October 23, 2007
Rabenzunge No. 1
Einleitend möchte ich mich bei allen bedanken, die mich in den letzten Monaten unterstützt haben. Danke für euer Vertrauen! Danke an die großzügigen Sponsoren. Ihr alle habt das hier möglich gemacht!
Dies ist der erste von vier Rundbriefen, die dreimonatig erscheinen. Ich hoffe ich habe nichts ausgelassen, das für einen ersten Eindruck wichtig ist. In jedem Fall freue ich mich über Rückmeldungen und Fragen, gerne an meine E-Mail-Adresse willem@willenium.net oder ganz traditionell per Post, ein Brief braucht drei bis fünf Tage über den Teich. Die Anschrift steht oben rechts.
Alle Rechtschreibfehler in diesem Dokument sind mit Absicht platziert und sollen den Schwund meiner Deutschkenntnisse illustrieren.
Eine gute Lektüre und herzliche Grüße aus Chicago
Euer Willem
Corvus Fugit / Prolog
Für alle die, die jetzt erst zugeschaltet haben, lasse noch einmal kurz die Vorgeschichte Revue passieren: Im November 2005 hatte ich erstmals die Idee, einen Freiwilligendienst in den USA zu leisten. Mit der ersten Bewerbung kam ich allerdings nicht besonders weit, gerade mal 80 Kilometer. Nach Rheinlandpfalz, genauer: Neuwied. Das liegt zwar nicht in den USA, dafür schenkt man dort Kölsch in Weizengläsern aus. Man mag geteilter Meinung über Kölsch sein, aber das tut weder Bier und Trinker gut! Zurück nach Neuwied: Abgesehen von der morschen Bierkultur und der schönen Lage am Rhein gibt es da noch eine besondere Attraktion: EIRENE, eine Organisation, die seit 50 Jahren den Friedenstauben Beine macht. Dort durfte ich 10 Monate lang als Zivildienstabgeordneter wirken und verwirklichen.
Der Zivildienst war meine Generalprobe fürs Auslandsjahr. Dort konnte ich erfahren, wie man stilvoll Überstunden leistet und wie man mit vielen Messern für noch mehr Menschen kocht.
Nebenbei bekam ich einen exklusiven Blick hinter die Kulissen eines Freiwilligendienstes, die sich stark auf die spätere Auswahl meines Projektplatzes auswirken sollten. Die Monate sausten vorbei und plötzlich war ich auch schon mit den Planungen für mein Auslandsjahr beschäftigt. Flugtickets, Visum und Reisepass wollten besorgt werden. Nicht zu vergessen die Bewerbung bei BVS, EIRENEs Partner in den Staaten.
Von Neuwied nach Neuwindsor
Der erste Juli war Stichtag. Von Neuwied aus fuhr ich nach Odernheim am Glan, wo die erste Woche EIRENE-Ausreisekurs stattfinden sollte.
Ich war einer von 18 Freiwilligen, die nach dem Seminar nach Nordirland, Irland, Belgien, die Niederlande, Kanada und natürlich in die USA ausreisen durften. Es war ein sehr schönes Seminar. Es wurde sowohl inhaltlich als auch kulinarisch allerhand geboten. Die zweite Woche des Kurses fand in Neuwied statt. Das war angenehm, da ich dort noch mein komplett möbliertes Zimmer hatte. Heimspiel, gewissermaßen.
Im Anschluss an den Kurs richtete ich noch eine Bon Voyage-Party für die lieben Kollegen bei EIRENE aus, bevor ich meine sieben Sachen in Brühl einlagerte. Die letzten Tage vor Abreise verlebte ich in Brühl und Köln. Den Koffer habe ich in letzter Minute gepackt. Faustregel hierbei: Nicht mehr als tragbar.
Am 21. Juli saß ich dann zusammen mit meinem Mit-Ausreisenden Simon am Köln-Bonner Flughafen und wartete auf Flug CO 0111 der uns nach Newark flog. Dort konnten wir symbolträchtig einen Blick auf Lady Liberty erhaschen, bevor unser Anschlussflug uns nach Baltimore transportierte, wo wir von Genelle und Hannah in Empfang genommen wurden, die für den Brethren Volunteer Service unsere hiesige Vorbereitungseinheit Nº 275 leiteten.
BVS ist die amerikanische Partnerorganisation von EIRENE, die pro Jahr etwa 12 Projektplätze aus ihrem Kontingent deutschen Freiwilligen zur Verfügung stellt.
Wenn es so etwas wie einen Kulturschock gibt, dann erlebte ich ihn in den ersten drei Wochen USA. Ich würde es eher als Kulturrausch beschreiben: Ich kam mir ein wenig wie ein Astronaut vor, der soeben auf einem fremden Planeten gelandet ist.
Kein Wunder, die USA haben mich schon als Kind fasziniert, und auf einmal war ich mittendrin. Endlich konnte ich die hollywoodgeprägten Hypothesen von diesem Land mit eigenen Augen überprüfen.
Wir verbrachten einen Großteil der Vorbereitung in New Windsor. Mit im Boot: 10 amerikanische Freiwillige, deren Deutschlandbild wir nachhaltig prägen sollten. Natürlich nur zum Besten.
Um uns ein wenig auf das Freiwilligen-Dasein vorzubereiten, wurden wir in Kochgruppen eingeteilt und mussten für 2.25$ pro Tag und Person kochen. Rein finanziell kein Problem, manchmal hapert’s dann einfach bei den Kochkünsten, aber werden SIE mal in den USA groß ;)
Besonders spannend war ein dreitägiger Besuch in Baltimore. Wir waren in einer Zuflucht untergebracht, die während der Wintermonate wohnungslosen Menschen Obdach bietet. Nachdem wir uns in New Windsor an den Luxus von Klimaanlagen gewöhnt hatten, bekamen wir in Baltimore das Kontrastprogramm geboten. Gefühlte 50°C, hohe Luftfeuchtigkeit und ein Badezimmer mit zwei Duschen für 18 Personen.
In Baltimore hatten wir auch die Möglichkeit, einige Projekte vor Ort kennen zu lernen. So arbeitete ich einen Tag für Habitat for Humanity, einer Organisation, die verlassene Häuser kauft und diese mithilfe von Freiwilligen renoviert. Die Häuser werden relativ günstig an Personen verkauft, die sich andernfalls kein eigenes Haus leisten könnten.
In Baltimore bekam ich zum ersten Mal zu Gesicht, wie krass in den USA Städte segmentiert sein können. Unweit von unserem Quartier wirkte alles wie ausgestorben, ganze Straßenzüge heruntergekommen und mit Brettern verbarrikadiert, riesige Schlaglöcher im Asphalt und inmitten der Ruinen immer wieder ein, zwei bewohnte Häuser. Da vergisst man schon mal, dass man sich in einem der reichsten Länder der Erde befindet.
Zurück in New Windsor fanden auch die Auswahlgespräche statt, die nach drei Wochen BVS-Vorbereitung jedem von uns sein Wunschprojekt bescherten. Ich fuhr zusammen mit dem Team von BVS quer durch Maryland, Pennsylvania, Ohio und Indiana nach Chicago, wo ich am 11.08. in meinem Projekt Su Casa eintraf.
Su Casa in a nutshell
Von Außen wirkt Su Casa recht unscheinbar. Man muss sich schon auf einige Schritte nähern, um den Schriftzug Catholic Worker Community über dem Eingang entziffern zu können. Ein Metallkreuz auf dem Dach und ein klobigeres Exemplar aus Glasbausteinen zeugen von Zeiten, in denen das Gebäude noch als Kloster diente…
Durch eine gläserne Doppeltür und eine Treppe gelangt man ins Innere. Dort findet man sich in einem Flur wieder, dessen holzverkleideten Wände Erinnerungen an die Jugendherbergen wecken, in denen es damals, in der dritten Klasse, immer so modrig roch- nichts für Ungut Frau Brücher!
Von den Vormietern ist übrigens kaum etwas zu spüren, die Mönche hat man outgesourced.
Das war Anfang der 90er, als eine kleine Gruppe ambitionierter Menschen, angeführt von Bruder Denis Murphy, das Gebäude für den symbolischen Betrag von einem Dollar kaufte und hier ein Catholic Worker House gründete.
In den ersten Jahren diente es als Asyl für Folterüberlebende aus Lateinamerika. Damals bekannt unter dem Namen Central American Martyrs Center, änderte Su Casa seine Mission, nachdem die USA ihre Einwanderungspolitik verschärften.
Heute ist Su Casa ein so genanntes Shelter. Wir bieten wohnungslosen spanischsprachigen Familien bis zu ein Jahr Unterkunft und diverse Leistungen wie wöchentliche Sitzungen mit unserer Sozialarbeiterin, Kinderbetreuung und Hausaufgabenhilfe, Nahrung, Kleidung, Hygieneartikel und Schulbedarf, Telefon und Internetzugang und monatliche Ausflüge in Chicago und Umgebung.
Im Gegenzug müssen die Mütter sich aktiv für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen. Das schließt ein, dass sie entweder einer Arbeit nachgehen oder sich in einer Form von Schule befinden, einen bestimmten Teil ihres monatlichen Verdienstes sparen und am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Werktags essen wir gemeinsam zu Abend, jede der Mütter hat einen festen Kochtag.
Alle zwei Wochen findet ein Haustreffen statt, in dem sich die Freiwilligen und die Mütter zusammensetzen, um allerhand Organisatorisches zu besprechen. Außerdem findet wöchentlich ein Teamtreffen statt, in dem wir Freiwilligen uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen und diverse Aktivitäten wie Ausflüge oder Feiern besprechen. Jeder Freiwillige kümmert sich um ein bis zwei feste Aufgabenbereiche, z.B. Nahrungsbeschaffung, Werbung und Verwaltung externer Freiwilliger, Hausmeistertätigkeiten, Aktivitäten und Feiern.
Ich bin unter anderem für Instandhaltung verantwortlich. Eine Aufgabe, die einer gewissen Komik nicht entbehrt. Die Rauchmelder im Haus sind beispielsweise mehrere Jahrzehnte alt. Das Dach ist undicht. Der Ofen in der Küche funktioniert nach Lust und Laune, während unser großer Kühlschrank schon mal das Gemüse schockfrostet. Sanitäre Anlagen und Boiler lasse ich an dieser Stelle unerwähnt.
Ich muss also öfters mal externe Dienstleister hinzuziehen, um der vielseitigen Probleme Herr zu werden.
La Casa
Inklusive Untergeschoss besteht Su Casa aus vier Ebenen:
Im Keller selbst befindet sich der mit Abstand wichtigste Raum des Hauses: Die Küche. Sie wird von der gesamten Bewohnerschaft genutzt und dient werktags als Zubereitungsstätte für das gemeinsame Abendessen, welches im Speisesaal nebenan vertilgt wird. Des Weiteren finden sich um Untergeschoss eine Waschküche, eine Speisekammer, bilingual Food Bodega genannt, eine Werkstatt und ein paar Lagerräume.
Das Erdgeschoss, nicht etwa Earthbullet sondern First Floor genannt, beherbergt einige Büros, einen gemeinsamen Computerraum, ein kleinen Wohnzimmer (Sala Pequenina). Außerdem einen großen Wohnraum (Sala Grande), einem Lagerraum für Hygieneartikel (Hygiene Bodega), einem Lagerraum für Kleiderspenden (Clothing Bodega) und ein Telefonraum.
Eine Etage darüber befinden sich 16 Zimmer, die teilweise von Gästen bewohnt werden. Mexikaner profitieren hierbei von ihrer Kompaktbauweise, eine Mutter samt 4 Kindern kommt mit einem einzigen Raum aus.
Der dritte Stock ist uns Freiwilligen vorbehalten. Die Hälfte der Fläche nimmt ein riesiger Wohnraum ein. Eingerahmt von Bücherwänden stehen dort allerhand Sitz- und Liegegelegenheiten, eine zum Puzzletisch umfunktionierte Tischtennisplatte und ein Kicker, “Fußball†genannt. Daneben finden sich noch Schlafzimmer und ein Raum, in welchem wir Geschenke für alle möglichen Anlässe sammeln.
Von meinem Schlafzimmer aus gibt es dann noch die Möglichkeit, Su Casa auf‘s Dach zu steigen.
Ich sitze gerne dort oben und lasse den Blick Richtung Norden schweifen, wo hinter einigen Baumkronen die imposante Skyline von Chicago zu sehen ist. Dazu gibt es eine unverwechselbare Geräuschkulisse: Hupende Autos, Hundebellen, eine sich nähernde Sirene, über meinem Kopf ein zweistrahliges Verkehrsflugzeug, dann eine schrillende Alarmanlage, basslastiger Hip Hop mischt sich mit mexikanischer Volksmusik, die dem bayerischen Pendant zum verwechseln ähnlich klingt. Bis vor kurzem wurde dieses urbane Orchester noch von einem Hahn in unserem Garten angeführt, dieser wurde allerdings Opfer eines dreisten Hühnerdiebs!
Später stellte sich heraus, dass es sich um eine legitime Entwendung handelte. Eine ehemalige Bewohnerin hatte ihn beim Auszug mitgenommen.
Leben im Bienenstock
Gemeinschaftsleben in Su Casa ist ganz gut mit einem Bienenstock vergleichbar. Da gibt es die fleißigen Arbeiterbienen, eine davon kann man sich der Anschaulichkeit halber in Lederhosen vorstellen. Und dann sind da die Drohnen. Von denen gibt es ein paar mehr, und ihre Brut haben sie auch im Gepäck. Die Königin wohnt übrigens nicht im Stock selbst, sie kommt viermal die Woche angeflogen und spricht mit den Drohnen über Honig und die Brut und so. Um jetzt nicht in die Verlegenheit zu kommen, mein spärliches Bienenwissen auf Wikipedia aufzustocken, zurück in die Menschenwelt…
Durchschnittlich bleibt eine Familie für 6 Monate in Su Casa. Wir haben uns eine Obergrenze von sechs Familien gesetzt. Das klingt nicht so viel, bedeutet aber nach mexikanischen Maßstäben 20-25 Kinder im Haus.
Zurzeit wohnen bei uns vier Familien mit 17 Kindern im Alter von 3 bis 17. Unsere “frischeste†Familie ist erst vor wenigen Tagen eingezogen. Es handelt sich durchweg um Fälle von domestic violence (=häusliche Gewalt), oft ist es für die Mütter mit großen Gefahren verbunden, ihre Männer zu verlassen. Nicht selten bekommen wir Anrufe von Männern, die ihren Frauen nachspionieren und herausfinden wollen, wem unsere Telefonnummer gehört. Wir achten deshalb genau darauf, die Anonymität unserer Bewohner zu wahren.
Die Kids stellen ganz verschiedene Ansprüche an mich. Die Dreijährigen möchten am Liebsten ständig an mir hochklettern oder durch die Luft getragen werden. Das ist sowohl Allheilmittel für die Kleinen als auch tägliches Fitnessprogramm für mich. Die etwas älteren Kids sind in der Beziehung etwas träger, da ist dann eher Hausaufgabenhilfe gefragt, oder einfach nur jemanden zum Quatschen.
Zu den Kids habe ich ein lockeres Verhältnis aufgebaut. Ich bin mehr großer Bruder als Aufsichtsperson. Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Ab und zu muss man sich auf der Nase herumtanzen lassen. Das nehme ich gerne in Kauf, so lange keine Regeln verletzt werden. Die Kids sollen sich zu Hause fühlen. Das Verhältnis zu den Müttern spielt sich auf einer anderen Ebene ab. Da die meisten von ihnen über sehr bescheidene Englischkenntnisse verfügen, und es mit meinem Spanisch nicht besser bestellt ist, gestaltet sich die Kommunikation eher zweckmäßig, aber freundlich. Manchmal sehr freundlich, man ist höflich.
Spannend wird es, wenn mein Vorname interpretiert wird.
Viele meinen, ich hieße “Williamâ€, wenn ich mich vorstelle. Unter Dreijährigen heiße ich hingegen “Ellem†oder “Wiljaâ€. In einem mexikanischen Café gab mir die Besitzerin den Spitznamen “Memoâ€, was von Guillermo, der spanischen Form von Willem kommt.
Team
Su Casa wird komplett von Freiwilligen geleitet. Wir unterstehen keiner Dachorganisation, abgesehen von unserem Vorstand aus Ehrenamtlichen, der einmal monatlich zusammenkommt. Derzeit leben vier Vollzeit- und zwei Teilzeitfreiwillige im Haus. Abgesehen von Earl sind wir alle im Abstand von wenigen Wochen eingezogen. Ein kleiner Überblick:
- Chantal kommt aus Kalifornien. Sie hat die Rolle der verantwortlichen Direktorin inne. Sie ist Engagement in Person. Chantal singt ständig und scheint ein unerschöpfliches Repertoire an Titeln auf Stichworten rezitieren zu können. Außerdem hat sie ihre Hündin Cali mit in die Gemeinschaft eingebracht, eine schwarze Labrador-Dame, die genau so lebhaft ist wie ihr Frauchen.
- Ellen kommt aus Ohio. Sie ist Haus-Direktorin und damit auch für die Aufnahme neuer Familien zuständig. Ellen liest gerne alte Kochbücher. Sie nennt mich manchmal “verrukt!†und probiert mit erstaunlicher Ausdauer, den Namen “Rabe†auszusprechen.
- Gina kommt aus Pennsylvania. Sie kann es nicht ertragen, fotografiert zu werden. Sie kauft DVDs im Dutzend und kann Anekdoten auf sehr charmante Weise erzählen, wobei sie schon lachend unterm Tisch liegt, bevor die Pointe erzählt ist.
- Josie kommt aus Illinois. Sie lebt bereits zum zweiten Mal in Su Casa, nachdem sie im Herbst vergangenen Jahres schon einmal verantwortliche Direktorin war. Derzeit geht sie einer “regulären†Arbeit nach und arbeitet nur 10 Stunden wöchentlich in Su Casa.
- Earl ist Mitte 60 und katapultiert damit den Altersdurchschnitt des Teams um 7 Jahre auf knapp 30. Er ist ein Quäker-Pfarrer und hat vor seiner Su Casa-Zeit in einem anderen Catholic Worker House im Norden Chicagos gelebt.
- Weitere Teilzeitfreiwillige- Neben den innerhäusigen Freiwilligen kommen regelmäßig externe Freiwillige zu uns, um uns bei der Bewältigung des Chaos zu helfen, Hausaufgabenhilfe oder Klavierstunden zu geben. Wir begrüßen auch gelegentlich Gruppen von Universitäten oder High Schools, die für ein paar Stunden im Haus mithelfen.
House Managing
Wer einen längeren Zeitraum in Su Casa verbracht hat, wird feststellen, dass dieser Ort seine eigene Zeitrechnung hat. Manch einer geht sogar so weit zu behaupten, dass innerhalb dieser Mauern keine Zeit existiere. Um diese Theorie zu erläutern, muss ich allerdings etwas weiter ausholen.
Da wir großen Wert auf die Sicherheit der Bewohner legen und an der Wahrung der Sperrstunde interessiert sind, geben wir den Familien keine Schlüssel. Das bedingt allerdings, dass 7 Tage die Woche auf die Haustür geachtet wird. Von 8:30 - 22:00 (bzw. 23:00 am Wochenende) ist dies Aufgabe des so genannten House Managers. Damit dieser nicht 14 Stunden am Stück im Einsatz ist, gibt es pro Tag zwei Housemanager-Schichten, die erste von 8:30 - 15:30, die zweite von 15:30 - 22/23:00 (werktags/am Wochenende).
Neben der verantwortungsvollen Pförtnerrolle ist der House Manager obendrein noch Hüter des Telefons und während seiner Schicht exklusiver Ansprechpartner für die Familien, Kindergärtner mit Superkräften, beizeiten Koch, Putzmensch und Hausaufgabenhilfe.
Die Housemanager-Schicht ist gewissermaßen die Su Casa-Wundertüte, man weiß nie was man bekommt. Wie hektisch eine Schicht wird, hängt von tausend Faktoren ab. Da wären das Wetter, der Füllstand des Kühlschranks, der Blutzuckerspiegel der Kids oder die verfügbaren Disney-Filme zu nennen.
Öffentlichkeitsarbeit
Als verbindendes Element zwischen den Catholic Worker Häusern gelten die regelmäßig erscheinenden Rundschreiben, die von den Häusern auf sehr individuelle Weise produziert werden, manchmal ganz traditionell mit Schere und Kleber.
Su Casa folgt dieser Tradition und gibt seit seiner Gründung 1990 vierteljährlich den Newsletter “Kairos†heraus. Das achtseitige Heftchen, Auflagenstärke 800, enthält neben einem Leitartikel Informationen über die aktuellsten Neuigkeiten aus der Gemeinschaft. Ich wurde kurzerhand zum Layouter und Chefredakteur ernannt. Ich habe auch schon weitere Projekte ins Auge gefasst.
Neu? Ne, mit Perwoll gewaschen!
Su Casa ernährt sich fast ausschließlich durch Spenden. Jeden Sonntag fahren wir mit unserem großen roten Van quer durch Chicago um bei zwei Trader Joe’s Supermärkten die täglichen Spoils, also alle abgelaufenen Nahrungsmittel, abzuholen. An einem guten Tag bedeutet das etwa 20-30 Müllsäcke gefüllt mit Lebensmitteln. Zurück in Su Casa sortieren wir alle Waren aus, die wir für eine Woche im Haus benötigen. Dieser Teil ist besonders spannend, weil neben den garantierten Spenden wie Brot, Obst und Gemüse immer mal wieder kulinarische Besonderheiten wie Sushi oder 20kg Popcorn auf unserem Sortiertisch landen. Schnell verderbliche Waren wie Milch und Eier kaufen wir separat ein.
Was wir an Überschuss haben, geben wir an die Soup Kitchen (=Suppenküche) ab. Dabei handelt es sich um eine Essensausgabe, die jeden Sonntag in einem untervermieteten Nebengebäude von Su Casa stattfindet. Etwa 150 Mahlzeiten werden dort in der Stunde ausgegeben. Freiwillige Kirchengruppen übernehmen an drei Wochenenden im Monat die Zubereitung und Ausgabe der Mahlzeiten. Außerdem geben wir oftmals Kleidungsspenden an die Suppenküche ab.
Neben den regelmäßigen Nahrungsspenden bedenken uns immer mal wieder Privatpersonen mit kleineren und größeren Kleidungs- oder Sachspenden. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Fall einer Dame, die in einem der nördlichen Vororte lebte. Sie und ihr Mann hatten soeben ihre Villa verkauft und waren auf der Suche nach einem Apartment. Sie rief uns an und bat uns, einige Möbel bei ihr abzuholen. Schlussendlich spendete sie uns eine Kiste voll Spielzeug, etwa 10 Kisten mit Kleidung, Dazu eine ganze Reihe Gemälde, eine Sofagarnitur, drei Bettsysteme und zwei massive Wohnzimmerschränke.
Manchmal finden aber auch sehr kreative Spenden ihren Weg zu uns, zum Beispiel 25 Gallonen (knapp 100l) Flüssigseife.
The Windy City &Back of the Yards
Chicago ist die drittgrößte Stadt der USA. Im Ballungsraum Chicagoland tummeln sich irgendwas zwischen neun und zehn Millionen Menschen, ein Drittel davon lebt in der Kernstadt.
Die Stadt ist in 77 Bezirke aufgeteilt, jeder Bezirk besteht wiederum aus etwa drei Neighborhoods (=Nachbarschaften).
Jede Neighborhood hat eine starke Eigenidentität. Das ist fast wie im Phantasialand in Brühl, Du gehst ein paar Schritte, und auf einmal bist Du nicht mehr in Chinatown, sondern in Little Mexico.
Von einem Straßenblock zum nächsten kann sich sprichwörtlich die Welt verändern. Die Menschen auf der Straße, die Musik die zu hören ist, die Geschäfte mit ihren bunten Werbetafeln. Selbst große Werbeanzeigen von Fastfood-Ketten wechseln wie selbstverständlich die Sprache. Ich lebe im Südwesten der Stadt, im District Nummer 61.
Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich hier um die Ecke der größte Schlachthof der Welt, die Union Stock Yards. So kam diese Neighborhood zu ihrem Namen: Back of the Yards.
Während Back of the Yards bis etwa in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts vor Allem polnisch geprägt war, leben hier heute zu 60% Latinos und zu 35% Afroamerikaner.
Das Viertel ist hat keinen besonders guten Ruf. Der Bürgersteig bröckelt vor sich hin, viele Grundstücke stehen leer, die Gegend leidet unter anhaltenden Gangaktivitäten. Nachts hört man aus dem nahen Sherman Park Schüsse. Dementsprechend hoch ist auch die Polizeipräsenz. Einige meiner Vorgänger in Su Casa wurden regelmäßig auf offener Straße von der Polizei gestoppt, weil die einzigen Weißen in dieser Gegend gewöhnlich mit Drogen in Verbindung gebracht werden. Das hört sich nach deutschen Maßstäben ungewöhnlich furchterregend an, ich empfinde es allerdings inzwischen als normal und fühle mich hier wohler, als in den reichen Gegenden. Jeder Augenkontakt auf der Straße geht mit einem „What‘s up man?“ einher, manchmal grüßen mich sogar wildfremde Leute beim Namen.
Tags: german, newsletter, rabenzunge.
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Rabenzunge © 2008 by Willem Rabe