February 29, 2008
Rabenzunge No. 2
Einleitend möchte ich mich für die Verzögerung entschuldigen, die diesem Rundbrief vorausgegangen ist. Ich war nicht etwa untätig oder zu faul, diese Rabenzunge ins Rollen zu bringen. Die Herausforderung bestand darin, bei voller Fahrt für einige Augenblicke den Blick nach hinten zu richten.
Seit meinem ersten Rundbrief im Oktober hat sich vieles verändert. In der Umgebung, im Haus, in meinem Kopf. Dem entsprechend kommt dieser Rundbrief etwas tiefgründiger daher.
Ich werde versuchen den nächsten Rundbrief im Mai zu fertigen, diese Angabe ist natürlich ohne Gewähr. Mir ist auch klar, dass viele Fragen offen bleiben.
Habt ihr also Fragen, könnt ihr euch gerne direkt an mich wenden, entweder per E-Mail an willem at willenium dot net oder per Post an die oben genannte Adresse.
Eine gute Lektüre und herzliche Grüße aus Chicago-
Euer Willem
In der Umgebung
Chicago ist berüchtigt für seine extremen Winter. Die Metropole liegt fast durchgängig unter einer dichten Schneedecke, Temperaturen von Minus 20-30 Grad Celsius sind keine Seltenheit. Das setzt nicht nur den Menschen zu, sondern auch dem enormen Straßennetz, das nach drei Monaten Eis und Schnee einer Mondlandschaft gleicht. Der Schneeteppich am Boden bildet das Gegenstück zum immergrauen Himmel. Nachts hat das einen interessanten Nebeneffekt: Die enormen Licht-Emissionen Chicagolands tauchen die Nacht in einen bernsteinfarbenen Schleier- Es wird nicht dunkel. Der Mond hat am Nachthimmel nichts mehr zu melden. Hobby-Astronomen müssen schon einige Autostunden veranschlagen, um freie Sicht zu haben.
Back of the Yards scheint sich Väterchen Frost ergeben zu haben. Die Bürgersteige wirken fast wie ausgestorben, wer kann reist per Auto oder Bus. An Haltestellen der El finden sich auf Knopfdruck beheizbare Wartebereiche, die den reisenden Chicagoaner schön warm halten.
Su Casa begegnet der weißen Zeit mit unbändiger Heizkraft. Im Keller brummt das Herz des Hauses, ein überdimensionaler Boiler, der ehemals noch eine angrenzende, inzwischen abgerissene Kirche mit beheizte.
Einmal in Gang gesetzt schafft der Boiler sein eigenes Ökosystem. Innerhalb unserer Mauern herrschen sommerliche Bedingungen. Mangels Luftfeuchtigkeit scheint sich das Haus elektrostatisch aufzuladen, sodass ich mir manchmal vorkomme wie eine Laborratte, die mit Stromschlägen diszipliniert werden soll- Bislang übrigens ohne Erfolg.
Auf dem Haus
Nachdem unser Dach in den letzten Jahren immer wieder geflickt wurde, war dieses Jahr eine Komplettüberholung angesagt. Die Firma, die uns in dieser Angelegenheit auf die Hütte stieg, bleibt vor allem durch die kleinen Skandale in Erinnerung, die sie auslöste. Im Oktober wurden die Materialien angeliefert. Anstatt an unserer Haustür zu klingeln und sich vorzustellen, zogen es die fingerfertigen Gesellen vor, das Schloss an unserem Hinterhof-Tor aufzubrechen. Wir ersetzten das Schloss und die 25 im Umlauf befindlichen Schlüssel. Im Dezember war das Dach immer noch nicht fertig gestellt. Nun machte das Wetter weitere Arbeiten unmöglich. Zwischenzeitlich waren die Dachdecker mit ihrem LKW in das halboffene Hoftor gefahren, das seitdem nur noch zu zweit zu bewegen ist. Im Februar wurden die Arbeiten endlich abgeschlossen. Die fleißigen Handwerker transportierten ihre Werkzeuge ab und ließen die Überreste des alten Dachs zurück, die nun rund um das Haus einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Im Haus
Bedenkt man, mit welch verschiedenen Hintergründen die Freiwilligen hier auf die Familien treffen, ist es ist nicht schwer zu erraten: Konflikte sind vorprogrammiert. Die vergangenen Monate, insbesondere die Zeit zwischen Halloween und Neujahr, stellte das Team vor besondere Herausforderungen.
Im Oktober begrüßten wir eine Familie im Haus, die besonderes Konfliktpotential barg. Dies lag zum einen in ihrer Größe begründet: Die Mutter brachte 7 ihrer 15 Kinder mit ins Haus, fünf davon im Alter von 13 bis 17 Jahren. Relativ schnell stellte sich heraus, dass mehrere der Jugendlichen in Gangs verwickelt waren. Ein Verstoß gegen die Hausregeln. Wir drückten ein Auge zu, um nicht die ganze Familie wieder auf die Straße setzen zu müssen, stellten aber die Bedingung, sämtliche gangbezogenen Bilder und Kleidungsstücke aus dem Haus zu entfernen. Die Situation schien unter Kontrolle.
Zu jenem Zeitpunkt häuften sich auch Fälle von Diebstahl im Haus. Der sehr warme Herbst ließ mich die drei Sweatshirts nicht vermissen, die von der Leine verschwanden. Mitbewohner klagten ebenfalls über Kleiderschwund.
Mitte November unternahmen wir einen Roadtrip nach Columbus, Georgia, wo wir an einem Protest gegen die militärische Beteiligung der USA in Zentralamerika teilnahmen. Es war eine nette Gelegenheit, mal ein paar andere Ecken der USA zu sehen. Die Fahrt führte uns durch Indiana, Kentucky und Tennessee- Nicht unbedingt die aufregendsten Bundesstaaten, aber interessant genug, um sie zu durchqueren. Unterwegs machten wir einen Zwischenstopp in Atlanta, wo wir meine Mitfreiwilligen Ben und Christoph trafen.
Vier Tage und 2600 Kilometer später kehrten wir nach Chicago zurück. Zu meiner Überraschung fand ich mein Zimmer durchsucht vor, von meinem Laptop fehlte jede Spur. Die Stimmung im Haus stand unter Strom. Zwei zu diesem Zeitpunkt mit uns lebende Familien entschieden sich, das Haus zu verlassen.
Zwei Wochen später verschwand ein weiterer Laptop. Wir konnten zwei 13 und 17 Jahre alte Brüder mit dem Diebstahl in Verbindung bringen. Wenig verwunderlich, dass es sich um Mitglieder oben erwähnten achtköpfigen Familie handelt. Es folgten mehrstündige Diskussionen im Team, wie damit umzugehen sein. Ich fühlte mich wie ein Kleingärtner, dem man einen Mammutbaum zur Pflege überlassen hat. Die Umtopfung gestaltete sich dann einfacher als gedacht: Die Familie bekam die Zusage für ein Wohnungsprogramm und konnte in der folgenden Woche das Haus verlassen.
Das Team ging aus dieser schwierigen Situation gestärkt hervor. Wir haben erlebt, wie stark eine einzelne Familie die Atmosphäre im Haus beeinflussen kann, und wann wo die Grenzen unsere Kompetenz liegen. Erfahrungen, die sich nur in der Praxis machen lassen.
Für etwa eine Woche im Dezember hatten wir nur eine einzige Mutter samt ihrer vier Kinder zu Gast. Dank einer vollen Warteliste lebten zu Weihnachten schon wieder vier Familien mit uns, Ende Januar begrüßten wir eine fünfte.
Das Durchschnittsalter der Kinder sank von 11 auf 6, plötzlich war die Windelnachfrage größer als die nach Internetzugang. Diesem Umstand habe ich auch einige neue Spitznamen zu verdanken: Willan, Billa, Batta und meinen persönlichen Favoriten Winan.
Fiesta en la Casa
Ende Oktober läuteten wir mit einer bunten Halloween-Party die Zeit der großen Feste ein. Dank großzüziger Spenden konnten die Kids aus einer großen Auswahl Kostüme wählen um das amerikanische Pendant zum Karneval stilecht zu begehen. Eine Studentengruppe half uns, Su Casa in ein Spukhaus zu verwandeln und veranstalte ein innerhäusiges Trick or Treat, sehr zur Freude unserer zuckersüchtigen Zwerge.
Etwas weniger als einen Monat später stand dann mit Thanksgiving das nächste große Fest vor der Tür. Wir verbrachten drei Tage am Stück in der Küche um das pompöse Festmahl vorzubereiten, zu dem wir auch ehemalige Familien und Freunde des Hauses einluden. Da sowohl Chantal als auch Ellen und Josie Thanksgiving mit ihren Familien verbrachten, war die Organisation Gina, Earl und mir überlassen. Personalmangel zum Trotz lief aber alles reibungslos und wir sammelten Erfahrungen, die sich beim großen Weihnachtsessen einen Monat später als wertvoll erweisen sollten.
Weihnachten stellte ein logistisches Abenteuer dar. An Heiligabend stellten wir ein Bankett auf die Beine, zu dem neben den Hausbewohnern sechs ehemalige Familien und wieder einmal allerhand Su Casa-Sympathisanten eingeladen wurden.
Glücklicherweise mussten wir uns zumindest um die Beschaffung der Weihnachtsgeschenke wenig Sorgen machen- Zwei GivingTree-Programme versorgten basierend auf von uns ausgefüllten Wunschlisten mit Geschenken. Leider bekamen wir die Geschenke bereits verpackt, sodass wir sämtliche Pakete noch einmal auspacken mussten, um festzustellen, ob das Geschenk auch mit der Beschreibung auf unserer Wunschliste übereinstimmte. Eigentlich sollte man dem geschenkten Gaul ja nicht ins Maul schauen, im Nachhinein waren wir aber froh, den Inhalt überprüft zu haben. Ein als Anzughose deklariertes Paket konnte schon mal einen Jogginganzug enthalten und die vermeintlichen Spielzeugautos stellten sich als Vogelhaus-Set heraus. Die Ausbeute war allerdings sehr gut, sodass wir an Heiligabend für jeden der 60 Anwesenden ein adäquates Geschenk parat hatten.
Mir wird vor Allem das Essen in Erinnerung bleiben. Mit Hilfe der Mütter stellten wir ein umfangreiches Festmahl auf die Beine, das 50 ausgehungerte Bergleute hätte sättigen können. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ein Tiramisu zuzubereiten, was sich als nicht ganz einfach herausstellte: Die Beschaffung von 1.5kg Mascarpone ließ die Operation T. beinahe scheitern- Der delikate Käse aus Italien ist nur importiert erhältlich und entsprechend teuer. So ging dieses Dessert mit rund $100 an Zutaten in die Su Casa Geschichte ein. Die Latinos zogen das ihnen vertraute Flan meiner exotischen Nachspeise vor, sodass das Team noch eine Woche nach Weihnachten mehrmals täglich Tiramisu essen konnte.
Eine Bescherung am Morgen des 25.12. rundete unser Weihnachtsprogramm ab.
Im Kopf
Während meiner Vorbereitung in Maryland nahm ich an einer Einheit teil, die sich mit der Frage beschäftigte, unter welchem Motto sich unsere Arbeitsmoral zusammenfassen ließe. Ich wählte If a job is worth doing, it’s worth doing well. Die Umsetzung dieser Zeile auf Su Casa fiel mir schwer. Es erschien unmöglich, Arbeit und Freizeit ins Gleichgewicht zu bringen. Die größte Bremse ist das scheinbar endlose Chaos, der Bienenstock-Effekt, beschrieben im ersten Rundbrief, fehlender Überblick.
Was den echten Bienenstock funktional macht, ist die Hingabe der einzelnen Biene. Auf Su Casa übertragen sieht das nicht anders aus. Für mich gab es nur eine Wahl: doing it well. well bedeutet nachhaltig. Das habe ich bei EIRENE gelernt. Was ist mein Aufenthalt hier wert, wenn die folgenden Freiwilligen vor den selben Problemen stehen?
Ich begann mein Vorhaben im dunkelsten Winkel des Hauses: Dem Werkzeugraum. In der entlegensten Ecke des Kellers versteckt sich hinter vergitterten Fenstern ein obskures Sammelsurium. Dieser Raum verleiht dem Term assorted eine neue Dimension: Hunderte Werkzeuge, versteckt in unzähligen Schubladen, die entweder jeglicher Beschriftung entbehren oder unleserliche spanische Titel tragen. Milchkartons aus den 70er Jahren dienen als Behältnis für Schrauben, ebenso die Pillendose aus den 1950ern, die den Besitzer als herzkrank ausweist. Ein ebenso alter Electrolux-Staubsauger trotzt mit seinem stromlinienförmigen Form der Zeit und 25 Dosen Insektenspray lassen erahnen, mit welchen Problemen in der Vergangenheit gekämpft wurde. Hier herrschte Handlungsbedarf- Das Projekt ToolrooMania war geboren.
Eine Woche respektive 80 Arbeitsstunden später sind etliche Kilogramm Schrauben in einem Regal verstaut, ich kann berichten, dass Su Casa im Besitz von 27 Hämmern ist. Die Haut zwischen meinen Fingern erinnert an Leder. Ob mein Rücken der Anstrengung oder der Bleikonzentration wegen schmerzt, ist von untergeordnetem Interesse, ich habe mich seit meiner Ankunft hier nie besser gefühlt. Das zu erstrebende Gleichgewicht besteht nicht zwischen Freizeit und Arbeit besteht sondern zwischen der zu erledigenden Arbeit und dem Enthusiasmus, mit dem sie sich bewältigen lässt.
Neben dem Werkzeugraum habe ich begonnen, die Büros auf Vordermann zu bringen. Während einer zwölfstündigen Aufräumaktion im Büro des House Managers entwickelte ich eine regelrechte Besessenheit- Manche Kolleginnen müssen sich noch daran gewöhnen, dass jedem achtlos abgelegten Ordner eine mündliche Abmahnung folgt.
Eine merkwürdige Entwicklung der letzten Wochen ist, dass ich allnächtlich von Su Casa träume. Diese Träume stehen immer im Zusammenhang mit den Ereignissen des vergangenen oder des anstehenden Tages, was manchmal zur Folge hat, dass ich vergesse, meine Wäsche zu waschen, weil ich überzeugt bin, dies bereits getan zu haben. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wohin das führt. Mehr dazu im nächsten Rundbrief…
Tags: german, newsletter, rabenzunge.
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