July 2, 2008
Rabenzunge No. 3
Zum Einstieg möchte ich meinen ausdrücklichen Dank an Rainer Papp und die Gemeinsame Verlagsauslieferung Göttingen richten, die den Versand der Rabenzunge für mich übernehmen!
Mein Dank geht auch an die netten Unterstützer, die mir Rückmeldungen auf die letzte Rabenzunge haben zukommen lassen. Dies könnt ihr nun übrigens auch auf der neuen Website www.rabenzunge.net tun.
Der nächste Rundbrief wird voraussichtlich im August erscheinen, das hängt selbstverständlich von vielen Faktoren ab, auf die ich keinerlei Einfluss habe… Ihr kennt das Spiel ja inzwischen.
Eine gute Lektüre und herzliche Grüße aus Chicago-
Euer Willem
Neun Monate Chicago, eine (Zwischen-)Bilanz
Schon 300 Tage seit meinem Einzug in Su Casa?! Wieder einmal versuche ich, mein Gedächtnis einem Magnetband gleich zurückzuspulen, die verwahrlosten Deutschkenntnisse zu reaktivieren um das Ganze in literarisch gut verdaulicher Form zu servieren.
Es fällt mir jedes Mal gleichermaßen schwer, mich auf das Schreiben des Rundbriefs zu konzentrieren. Nicht, dass es an Rückzugsmöglichkeiten mangelt- Das Haus ist so groß, wir verfügen über doppelt so viele Räume wie wir Bewohner beherbergen. Aber wohin ich mich auch zurückziehe, irgend etwas kommt immer dazwischen. So auch im folgenden Beispiel:
Ich sitze auf der Feuerleiter mit Blick auf den Innenhof und bin in Gedanken versunken, als mich ein Eichhörnchen überrascht, das ganz frech neben mir Platz nimmt und interessiert meinen Laptop beäugt. Ich stelle mir die Frage, ob das Sciurus Urbanus neben dem Inhalt unserer Mülltonnen auch deutsche Freiwillige zu seinen Nahrungsressourcen zählt. Um Revierstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen und dem sich ankündigenden Gewitter zu entkommen verlagere ich mein kreatives Zentrum zurück ins Haus, gerade rechtzeitig, um einer klassischen Chicagoer Klimastrophe zu entgehen: Ein Donnerschlag bricht das Schweigen der schwülen Mittagshitze und löst ein halbes Dutzend Auto-Alarmanlagen aus. Der bleigraue Himmel bricht auf und ich kann vom Fenster aus die Wartenden vor der sonntäglichen Soup Kitchen beobachten, die der unfreiwilligen Dusche so gar nichts abgewinnen können.
Ich überlege, wie sich mein Leben auf gescheite Art und Weise bilanzieren ließe. Mein Blick fällt auf meine Schuhe, ein Paar schwarze Adidas, die mich seit meiner Anreise im August auf Schritt und Tritt begleiteten. Das Kunstleder sieht mitgenommen aus, Wandfarbe hat feine Spuren hinterlassen und der rechte Schuh geht dank eines Lochs als atmungsaktiv durch.
Ganz ähnlich ist es dem Rest meiner Garderobe ergangen. Was im Textileinzelhandel als en vogue propagiert wird, habe ich auf klassischem Wege erzeugt. Für mich hat das den praktischen Nebeneffekt, dass ich mir um den Zustand meiner Kluft keine Gedanken mehr zu machen brauche. Ökonomen sprechen hier von vollständig abgeschriebenen Anlagegütern.
Welche Spuren haben neun Monate Ghetto an mir hinterlassen? Auf physischer Seite könnte man einen Rückgang der Fitness vermuten. Der lange Winter und die Bequemlichkeit, Bett und Büro nur durch eine Treppe getrennt zu wissen… Wilden Spekulationen kann ich vorwegnehmen, dass ich dem Fast Food nicht zum Opfer gefallen bin- Den eifrigen Metabolismus habe ich beibehalten, selbst die berüchtigte mexikanische Hausmannskost konnte daran nichts ändern. Psychologisch würde ich mich als stabil bezeichnen. Es ist eine erhöhte Stressresistenz zu verzeichnen, die in höheren Frequenzbereichen in einer Immunität gegenüber Babygeschrei resultiert.
Zwischenseminare im monetären März
Da ich mich im Rahmen eines Freiwilligenprogramms im Projekt befinde, musste ich an zwei Zwischenseminaren teilnehmen. Für mich bedeutete das, viel Geld für Flüge kreuz und quer durchs Land auszugeben um unter vermeintlich Gleichgesinnten schlechtes Essen und strukturiertes Nichtstun zu genießen.
Verzeihung, das wird dem Ganzen wirklich nicht gerecht, lasst mich noch einmal von Neuem beginnen:
Als Freiwilliger genieße ich das Privileg, während meines Dienstes für zwei Wochen dem Projekt entfliehen zu können, um in einer meiner Erholung zuträglichen Umgebung mit den lieb gewonnenen Mitfreiwilligen des Ausreiseseminars Erfahrungen auszutauschen.
Per Flieger und Greyhound ging es erst einmal von Chicago nach Jekyll Island, Georgia. Die Insel, die sich mit ihren vier Golfplätzen selbstbewusst der Zielgruppe stellt, wusste besonders die aus den kälteren Gegenden Angereisten zu begeistern: Sandstrand eine Minute vom Bungalow, T-Shirt-kompatibles Wetter im März und ein offen gehaltener Zeitplan seitens EIRENE ließen die Woche schnell vergehen und kaum einer wird sich erinnern, dass wir zu siebt ein enges Zimmer teilten.
Vom malerischen Süd-Westen der USA machten wir uns auf den Weg zum BVS-Zwischenseminar, das nahe Chicago stattfinden sollte. Die Reise dorthin wurde allerdings durch Tornados in Atlanta erschwert, wo wir während eines Zwischenstopps erfuhren, dass unser Anschlussflug gestrichen worden war. Mit Ersatzflügen kamen wir dann aber doch noch rechtzeitig zum Seminar.
Dort, in einem Camp eine Stunde westlich von Chicago, mussten wir statt Dünen mit einem Rodelhügel Vorlieb nehmen. Ich enthalte mich an dieser Stelle weiterer Informationen dazu.
Besuch von Mama
Im Mai bekam ich Besuch von meiner Mutter Beate, die mit einer Freundin für zwei Wochen in die Staaten kam. Eine willkommener Anlass, als Touristenführer anzuheuern. Da der Süden Chicagos touristisch vergleichsweise uninteressant daher kommt, verbrachten wir die meiste Zeit im Stadtzentrum, welches dem hungrigen Reisenden allerhand zu bieten hat: Der prestigeträchtige Millennium Park, Museen für jeden Geschmack, der Blick über die Stadt vom Hancock Center, eine Bootstour auf dem Chicago River, Chicagoer Deep Dish Pizza- langweilig wurde es nicht.
Nach einer Woche unter der kaukasoid-amerikanischen Bevölkerung kam ich mir schließlich selbst wie ein Tourist vor. Am Muttertag veranstalten wir in Su Casa ein Dinner, zu dem Cesar, Freund des Hauses und seines Zeichens Chef de Cousine in einem Edelrestaurant, die Messer wetzte.
Welcome to the Jungle / Ode a. d. Hausmeister
Während des Winters bedurfte vor Allem unser Boiler meiner aufmerksamen Wartung. Irgendwann im Februar stand ein findiger Mensch vor der Tür und stellte sich als der Herr vom Water Treatment vor. Er erklärte mir, dass dem Wasser in unserem Heizsystem regelmäßig Chemikalien zuzusetzen seien, um Rostschäden und dergleichen zu vermeiden. Diese äußerst nützliche Information kam spät. Der Rost war seinem Ruf voraus geeilt und hatte uns bereits ein Loch den Wassertank gefressen. Siedendes Wasser spritzte fontänenartig durch den Boilerraum.
Ein wenig ätherisches Öl hätte uns noch gefehlt, um die erste finnische Sauna der Southside zu eröffnen.
Glücklicherweise kamen uns die warmen Temperaturen entgegen, sodass der Boiler in den wohlverdienten Sommerschlaf versetzt werden konnte. Es bleibt zu hoffen, dass wir innerhalb der nächsten Monate über finanzielle Mittel verfügen, um den rostigen Koloss wieder auf Vordermann zu bringen. Neben dem Boiler sind es immer wieder die üblichen Verdächtigen, nämlich Toiletten, Waschmaschinen und der Ofen, die spontan den Geist aufgeben.
Meiner besonderen Zuneigung erfreut sich unser Feueralarm-System, dass zwar (zum Glück) noch keinen Brand zu melden hatte, uns aber trotzdem bei heißen Temperaturen regelmäßig mit Fehlalarmen überrascht. Das geschieht meist nachts und zieht einen Rundgang durch sämtliche Räume nach sich, um den defekten Melder ausfindig und unschädlich zu machen.
Die meiste Zeit verbrachte ich seit dem letzten Rundbrief mit Öffentlichkeitsarbeit wie der Erstellung einer neuen Internetpräsenz für das Projekt (im Netz auf www.sucasacw.org) und der Überarbeitung unseres quartalsweise erscheinenden Rundbriefs Kairos. Eine Kopie der letzten Ausgabe habe ich euch beigelegt.
Ferien auf dem Bauernhof
Meine liebe Kollegin Josie lud Chantal und mich ins ländliche Illinois ein, wo ihre Eltern inmitten von Hühnern, Schafen und schier endloser Felder ein gemütliches Blockhaus samt Teich ihr Eigen nennen.
Josie fragte mich im Voraus, wie ich mir denn so den Urlaub auf dem Land vorstellte, worauf ich entgegnete: „Ich möchte einen Cowboy-Hut tragen und Schrotflinte schießen!“ Wir ergänzten diese tollkühne Liste noch um Kayak fahren, einen Kirmesbesuch und einer Sitzung im hauseigenen Whirlpool.
Besonders spannend war ein Ausflug mit Josies Vater, der mich in die hohe Kunst des Angelsports einwies. Wie sich herausstellte unter besten Voraussetzungen: Wir waren kaum eine Viertelstunde auf „Fischpirsch“, da hatte ich auch schon einen stattlichen Barsch am Haken, den ich nach dem obligatorischen Beweisfoto wieder in sein Element entließ.
Memoiren eines Kindergärtners
labor i, 2008-05-28, 10:58 cst. house manager: rabe, w.
Der Proband ist 2.6 Jahre alt, misst 90cm, wiegt bei Übergabe an den House Manager (“HMâ€) 16kg und erfreut sich guter geistiger und körperlicher Gesundheit.
10:58 Das mütterliche Kontrollorgan (“mKâ€) ködert den Probanden mittels eines Dauerlutschers, Geschmacksrichtung: Cola, in den Raum.
11:02 Der HM stellt dem Probanden Versuchsgegenstände IIb (“Bauklötzeâ€) und IIc (“Auto, ferngesteuertâ€) vor. Originäre Reaktion: abweisend.
11:07 Der Proband verfällt in einen Zustand sich steigernder Hysterie, postuliert Verlangen nach mK.
11:10 Proband weiterhin in hysterischem Zustand, entleert Mageninhalt oral- Analyse des Erbrochenen emergiert Spuren von “Corn Flakesâ€.
11:15 Proband unruhig.
11:20 Weitere vom HM eingebrachte Versuchsgegenstände IIIa-d stoßen auf keinerlei partizipative Reaktion des Probanden.
12:12 Proband scheint gefasster, kanalisiert Stress in kinetische Energie gegen Versuchsgegenstände.
12:15 Proband zeigt starke Reaktion auf Versuchsgegenstand IIIe (Helikopter, aufziehbar), annektiert Vg.
12:16 Proband sucht den Dialog mit HM, drückt gesteigerte Satisfaktion ob seiner Funktion innerhalb des Szenarios aus.
12:52 Rückkehr des mK in das Szenario. Proband sträubt sich gegen Entfernung aus dem Raum, klammert sich an Beine des HM.
12:54 mK entfernt Proband aus dem Szenario.
Ein Tag in Big Apple
Im Juni begleitete ich Gina auf einen Kurztrip in ihre Heimatstadt Philadelphia. Dort bot sich uns die Gelegenheit, für je einen Dollar nach New York City und zurück zu fahren. „Da wollte ich immer schon mal hin!“ kreischte ich, und so saßen wir in aller Herrgottsfrühe in einem stark klimatisierten Bus, der uns im Herzen der größten Stadt des Landes absetzte.
Manhattan ist ein riesiger Ameisenhaufen. Auf einer Fläche, die der Größe der Stadt Neuwied entspricht, tummelt sich die Bevölkerung Hamburgs. Obwohl die Stadt Schauplatz etlicher Filme ist, musste ich erst dort gewesen sein, um New York zu begreifen.
Zwölf Stunden im Herzen des urbanen Chaos waren gerade genug, um die wichtigsten Attraktionen auf meiner Liste abhaken zu können: Times Square, Central Park, Grand Central Station, Ground Zero, Liberty Island und schließlich das Empire State Building.
Noch bevor ich in den etwas weniger stark klimatisierten Bus Richtung Philadelphia einstieg, stand für mich fest, dass dies nicht der letzte Besuch gewesen sein würde. Nächstes Mal packe ich dann auch die gute Kamera ein.
Das Team im Umschwung
Momentan befindet sich das Team in einer Übergangsphase. Gina ist nach 9 Monaten zwecks Studium in den Nachbarstaat gezogen, Ellen wird uns nächsten Monat verlassen. Gleichzeitig begrüßen wir Tracy aus Ohio, die für ein Jahr in Su Casa leben wird. Außerdem hießen wir Venus und Justin willkommen, die dem Haus seit Jahren auf Wochenend-Basis aushelfen und sich nun samt Töchterchen einquartiert haben. Doch damit nicht genug: Zack und Sean aus Indiana werden uns die Sommermonate über Gesellschaft leisten. Bei so vielen neuen Gesichtern geht es jetzt erst einmal darum, die Routine des Teams wieder herzustellen.
Zukunftsplanungen
Vor meiner Abreise Richtung USA wurde ich gelegentlich nach meinen Zukunftsplanungen gefragt. Ich beantwortete dies stets wahrheitsgemäß mit “Keine Ahnung, das entscheide ich dann drübenâ€. Es war im Februar diesen Jahres, dass ich mir vermehrt Gedanken darüber machte, wie meine Zukunft aussehen sollte. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei sicher die Beziehung, in der ich mich seit nunmehr sieben Monaten befinde. Ihr erlaubt, dass ich auf diese hier nicht weiter eingehe.
Ich habe mich entschieden, meinen Dienst hier in Su Casa um 6 Monate bis Ende Januar 2009 zu verlängern. Das gibt mir ein Zeitpolster, einige größere Projekte im Haus anzugehen und nebenbei meine Zukunft zu planen. Das bedeutet auch, dass diesem Rundbrief noch drei weitere folgen werden.
Keine Angst, die finanzielle Unterstützung meines Freiwilligendienstes wird damit nicht automatisch verlängert. Ich möchte niemanden nolens volens das Geld aus der Tasche ziehen. Lasst es uns so regeln: Wenn ihr weiterhin finanziell Beistand leisten möchtet, meldet euch bei mir oder EIRENE. Höre ich nichts von euch, gehe ich davon aus, dass die Unterstützung wie ursprünglich geplant ausläuft.
Möchtet ihr mich nicht weiter pekuniär unterstützen aber trotzdem meinen Rundbrief zugeschickt bekommen, ist das auch kein Problem, eine E-Mail genügt. Ich bin froh über jedes Exemplar, das auf Interesse stößt.
Tags: german, newsletter, rabenzunge.
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Rabenzunge © 2008 by Willem Rabe