rabenzunge

October 19, 2008

Rabenzunge No. 4

First things first: Danke für eure Geduld. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, in Verzug zu sein. Dann las ich, dass der große Stanley Kubrik in den letzten 25 Jahren seines Lebens ganze drei Filme produzierte… und fühlte mich nicht ganz so schlecht. Auch wenn ich es inzwischen besser wissen sollte, erkläre ich hiermit die Absicht, die fünfte Rabenzunge noch in diesem Jahr zu versenden.

Vielen Dank an Rainer Papp und das Rabenzunge Distribution Center der Gemeinsamen Verlagsauslieferung Göttingen, die mir wieder einmal beim Versand behilflich sind!

Bitte überprüft auch noch einmal, ob eure Daueraufträge wie gewünscht ausgelaufen oder verlängert wurden und setzt euch im Zweifel mit EIRENE in Verbindung: (02631) 83790.

Wie immer freue mich über jede E-Mail.

Eine gute Lektüre und ♥-liche Grüße aus Chicago-

Euer Willem

Summertime, and the living is easy

Verfügte jeder Ort über eine ihm zugehörige Jahreszeit, Back of the Yards wäre dem Sommer verbunden.

Während der heißen Monate blüht die Nachbarschaft regelrecht auf: Eine Bus-Haltestelle wird um einige Klappstühle ergänzt zum sozialen Treffpunkt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite lassen sich an einem Verkaufsstand Marke Eigenbau saftige Hamburger und Hot Dogs erwerben. Dazu gibt es sogar ein Getränk gratis! Abends versammelt man sich in Parks, es finden Block Parties statt und wohin man auch geht, Musik erfüllt die Luft. Passend dazu verwandelt ein Rudel Glühwürmchen unseren Vorgarten in ein Lichtermeer. Überhaupt scheint jeder besserer Laune zu sein, selbst der dubiose Gürtelverkäufer trennt sich heute von einem feinen Stück aus Rindsleder, Gucci, garantiert echt, und das für only 20 bucks.

Wie einst der Rattenfänger von Hameln kreisen die Icecream-Trucks durch die Nachbarschaft, deren Zielgruppe hat schulfrei, die Nachfrage ist stetig, selbst wenn aus den schrillen Lautsprechern anstelle der üblichen Beethoven-Verstümmelung Jingle Bells krächzt. Oh what fun it is to ride, in a one horse open slay, in July!

The Fourth of July

Spätestens seit Roland Emmerich im Jahre 1996 eine Heerschar übelriechender Außerirdischer auf die Kinozuschauer los ließ, ist der Independence Day oder 4th of July auch Franz Josef aus Köln-Porz ein Begriff.

Es ist der Tag, an dem man sich auf die Schulter klopft und dem Kampf gegen die britischen Unterdrücker gedenkt, zufrieden sein Light Beer schlürft, wahlweise aus einem roten oder blauen Plastikbecher. Selbst das in BBQ Sauce schwimmende Rib-Eye Steak scheint sich heute auf dem Grill besonders wohl zu fühlen.

Es ist ebenfalls der Tag der Pyromanen, die nach Dämmerung wieder gut machen, was an Neujahr versäumt wurde.

In der Nachbarschaft ließen sich in den Wochen vor dem großen Festtag an Stelle von Handfeuerwaffen des Öfteren mal Feuerwerkskörper vernehmen. Eine gelungene Abwechslung, wenn auch rein rechtlich erwähnt werden muss, dass der Besitz von Feuerwerk gegenüber dem von Schusswaffen in Illinois illegal ist.

Die Gemeinschaft zelebrierte den Unabhängigkeitstag im eigenen Garten- Mit allem, was die amerikanische Küche auszeichnet: Burger, Hot Dogs, Nudelsalat und Cola vom Fass. Nach Einbruch dessen, was in Chicago allgemein als Dunkelheit bezeichnet wird, bestaunten wir dann vom Dach aus das Feuerwerk, welches über mehrere Stunden hinweg das Himmelszelt schmückte. (s. Foto S. 1)

August

Der Monat August erreichte auf der nach oben offenen ChaosSkala einen solide 52.8. Drei Teammitglieder verließen die Gemeinschaft und zwei weitere traten von langer Hand geplante Urlaube an. Für eine Weile waren wir somit relativ dünn besetzt, bevor wir mit Elena und Julian zwei neue Freiwillige willkommen hießen.

Aus Köln besuchte mich für knapp drei Wochen mein Kumpel Jörn. Für die Dauer seines Aufenthalts im Haus wohnend, erlebte er das Gemeinschaftsleben hautnah. Nicht fehlen durfte das obligatorische Sight Seeing in den besser situierten Teilen der Stadt, inklusive Besuch eines Baseballspiels der Chicago White Sox. Für mich ein Sport, der viel mit dem Konsum eines Kaugummis gemein hat: Nach einer Weile vermisst man den frischen Geschmack und es zieht sich etwas. Die Veranstalter haben sich allerhand einfallen lassen, um diesen Effekt auszugleichen: Ein pompöses Rahmenprogramm verzauberte die angetrunkenen Zuschauer mit Gewinnspielen, Animatoren, Tänzern, Fallschirmspringern, Feuerwerk und Konzert mit Elvis-Double.

Tempestad

Am 4. August wurde ich Zeuge dessen, was die Gläubigen unter uns als die Wiederkehr der Sintflut verstanden haben müssen.

Ich stand auf dem Parkplatz unseres Stammlokals La Condesa, während 20 Blocks nördlich ein schwarzer Schleier die Sicht auf die Skyline verdeckte. Zwei Minuten später prallten erste Regentropfen auf den Asphalt, als wolle der Himmel mir begreiflich machen, dass dies ein geeigneter Zeitpunkt sei, sich in Sicherheit zu bringen. Duck and Cover. Weitere zwei Minuten vergingen, da hatte der himmlische Vater sein Stroboskop ausgepackt und anstelle von Engelstrompeten erdröhnten Paukenschläge. Klingt romantisch, war es auch.

Ich setzte mich eine Weile den Sturmböen aus, bevor ein Blitzeinschlag im Umkreis von zwei Blocks die Lichter erlöschen ließ, die Gelegenheit für meine Kollegen, der Guacamole gute Nacht zu sagen. Es folgte ein Mitleid erregender Versuch, trocken zum Fluchtauto zu gelangen, das auf der Heimfahrt durch teils kniehohes Wasser echte Offroad-Qualitäten beweisen musste.

Am nächsten Morgen kümmerten wir uns um diverse Pfützen im Haus. Ein Blick in den Chicago Tribune belegte, dass der Sturm tatsächlich biblische Ausmaße angenommen hatte. Während der Hochphase verzeichnete man im Stadtgebiet 800 Blitzeinschläge pro Minute! Das entspricht der Menge, die sich normalerweise in einem halben Jahr hier zur Ruhe setzen. Ein Baseballspiel der Chicago Cubs wurde sprichwörtlich abgeblasen, als ein Tornado die Anzeigetafel lahmlegte. Chicago heißt eben nicht umsonst The Windy City.

Familias

Seit einigen Wochen haben wir wieder fünf Familien bei uns zu Gast. Ich habe festgestellt, dass es mir mit der Zeit leichter fällt, mich auf neue Familien einzulassen, während die Verabschiedung von Familien sich zunehmend schwieriger gestaltet. Emotionales Engagement geht einfach mit aktivem Mitleid, wie ich den englischen Term Compassion übersetze, einher. Und das ist gut so, auch wenn es zwischen unseren Gästen oft heiß her geht und in der Streitschlichtung selbstredend unsere Unabhängigkeit vorausgesetzt wird.

Jeder im Team hat von Zeit zu Zeit einen besonderen Liebling unter den Kids. So habe ich mir schon den Spitznamen Tata eingehandelt, weil sich die zehnmonatige Ciara (Name geändert) auf meinem Arm wohler fühlt, als bei ihrer Mutter. Die nimmt das Ganze recht sportlich, immerhin hat sie erst kürzlich ihr viertes Kind zur Welt gebracht, womit unsere Gemeinschaft 27 Mitglieder zählt. Genau so stolz wie die leiblichen Eltern bin ich allemal, wenn die Kleinen ihr erstes spanglishes Wort hervorbringen, die ersten Schritte gehen oder ihr Potty Training erfolgreich abschließen, was weniger Windeln wechseln bedeutet- eine echte Win-Win-Situation, wie man in der Branche sagt.
Wenn die ehemaligen Familien dann nach einer Weile mal wieder bei uns vorbeischauen, höre ich mich reflexartig sagen „You’ve gotten big!!” und plötzlich komme ich mir ganz alt vor.

Im Juli folgten Gina und ich der Einladung einer ehemaligen Su Casa Bewohnerin, die anlässlich ihres 15. Geburtstags eine sogenannte Quinceañera ausrichtete.

Das Programm der Veranstaltung erinnerte sehr an eine Hochzeit, inklusive kirchlicher Zeremonie, Limousinenfahrt zum Ort des Banketts wo die glückliche Nun-Frau erst einmal mit sämtlichen Gästen abgelichtet wurde, bevor sie mit den anwesenden Männern zu tanzen hatte. Ich wusste ja, dass der Tanzkurs sich irgendwann auszahlen würde. Eine beeindruckende Torte krönte den Abend kulinarisch.

Einer besonderen Erwähnung bedarf der Dress Code: Weibliche Familienmitglieder muteten wie die Protagonistinnen aus einem Disney-Zeichentrickfilm an, die 15-jährigen Cousins erschienen in Militäruniformen, am Gürtel lose baumelnd Blechsäbel. Der älteste Bruder durfte in weißer Uniform während diverser choreographischer Popanzen eine symbolträchtige rote Rose überreichen.

Zoo Casa

So manchem Deutschen auf USA-Urlaub wird bei ihrem Anblick das Herz in die Hose gerutscht sein: Kleintransporter mit der Aufschrift Pest Control. Und tatsächlich geht ihr Auffahren mancherorts mit Gefühlen einher, die noch aus der Zeit des Schwarzen Todes stammen könnten. Dabei meinen es die Schädlingsbekämpfer doch nur gut! Zwischen Kalifornien und Florida stehen die Exterminatoren ganzjährlich hoch im Kurs, während sie in Chicago Saisonarbeit verrichten. Von November bis April ist es hier schlicht zu kalt, um in die krabbelnde Bredouille zu kommen. Nun handelt es sich bei Su Casa um keinen gewöhnlichen Haushalt und manche unserer Gäste tun sich zugegebenermaßen schwer, Lebensmittel luftdicht im Kühlschrank anstelle von Kommoden zu lagern. So kommt es, das wir momentan einigen vom Aussterben bedrohten Spezies Asyl bieten. Besonders prominent: Hormigas (Ameisen), Larvas (Maden), Palomillas (Motten), Cucarachas (Schaben), Ratones & Ratas (Mäuse und Ratten).

Eine besondere Sensation stellte der Einzug einer Lausfamilie dar, die in einem Akt grenzenloser Solidarität sowohl von Familien als auch Team aufgenommen wurden. Meines Dialekts wegen erwählte man mich jedoch nicht zum Botschafter der Völkerverständigung. Schabe, äh Schade!

Cocina Loca

Wenn unsere Gäste kochen, lassen sie es gerne krachen. Klotzen statt Kleckern heißt die Devise. Gekleckert wird übrigens trotzdem noch. Ein kompletter Schrank in unserer Küche ist den roten Schoten vorbehalten. Bei soviel Scharfsinn fließen beim gemeinsamen Abendessen schon einmal die Tränen.

Da wundert es kaum jemanden, mit welcher Fulminanz das dazu gereichte Getränk daher kommt, das den unschuldigen Namen Agua trägt. Manch einer wird sich vielleicht an die Ernährungs-Erziehung in der Grundschule erinnern, wo anhand von Würfelzucker veranschaulicht wurde, wie viel Zucker eine Dose Coca-Cola enthält. Was allabendlich in unserer Küche geschieht, steht dieser Lehrmethode in nichts nach: Die Zubereitung des Gebräus beginnt vielversprechend mit echten Früchten. Doch was so hoffnungsvoll startet, wird unter Zugabe von einem Kilogramm Zucker zu einer Hommage an Karius und Baktus und bringt besonders die kleinen Gäste vorm schlafen gehen noch einmal in Schwung.

Epilog

Gut dreieinhalb Monate in Su Casa stehen mir noch bevor- Eine sehr begrenzte Zeit angesichts der meiner weiterhin rege wachsenden Todo-Liste. Su Casa ist dank großzügiger Spenden in der Lage, grundlegende Renovierungsarbeiten durchzuführen und ich bin glücklich, diese noch während meines Dienstes mitzuerleben. Auf der rechten Seite seht ihr beispielsweise unsere brandneuen Waschmaschinen und Trockner. Nachdem wir vor 6 Monaten zeitweise nur eine intakte Waschmaschine für 30 Bewohner zur Verfügung hatten, erscheint das als ein echter Luxus. Mehr zu New Casa im nächsten Rundbrief.

Zum Abschluss ein Zitat von John Dearden, Erzbischof von Detroit, das ich als Workaholic sehr hilfreich finde. Rechts meine sinngemäße Übersetzung.

We cannot do everything,
and there is a sense of liberation‚
in realizing that.
This enables us to do something
and to do it very well.
It may be incomplete,
but it is a beginning,
a step along the way,
an opportunity for the Lord’s grace
to enter and do the rest.

Wir können nicht alles tun,
(und) das zu begreifen verleiht uns
ein Gefühl der Befreiung.
Es ermöglicht uns, etwas zu tun,
und dieses (etwas) sehr gut zu tun.
Es mag unvollständig sein,
aber es ist ein Anfang,
ein Schritt in die richtige Richtung,
eine Möglichkeit für Gottes Gnade,
einzuschreiten und den Rest zu tun.

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Rabenzunge © 2008 by Willem Rabe