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	<title>rabenzunge</title>
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	<description>manifest transatlantischen freiwilligentums</description>
	<pubDate>Fri, 02 Apr 2010 09:56:27 +0000</pubDate>
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		<title>Rabenzunge No. 4</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Oct 2008 05:27:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Willem</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[First things first: Danke f&#252;r eure Geduld. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, in Verzug zu sein. Dann las ich, dass der gro&#223;e Stanley Kubrik in den letzten 25 Jahren seines Lebens ganze drei Filme produzierte&#8230; und f&#252;hlte mich nicht ganz so schlecht. Auch wenn ich es inzwischen besser wissen sollte, erkl&#228;re ich hiermit die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>First things first: Danke f&uuml;r eure Geduld. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, in Verzug zu sein. Dann las ich, dass der gro&szlig;e Stanley Kubrik in den letzten 25 Jahren seines Lebens ganze drei Filme produzierte&#8230; und f&uuml;hlte mich nicht ganz so schlecht.<span id="more-18"></span> Auch wenn ich es inzwischen besser wissen sollte, erkl&auml;re ich hiermit die Absicht, die f&uuml;nfte Rabenzunge noch in diesem Jahr zu versenden. </p>
<p>Vielen Dank an Rainer Papp und das Rabenzunge Distribution Center der Gemeinsamen Verlagsauslieferung G&ouml;ttingen, die mir wieder einmal beim Versand behilflich sind! </p>
<p>Bitte &uuml;berpr&uuml;ft auch noch einmal, ob eure Dauerauftr&auml;ge wie gew&uuml;nscht ausgelaufen oder verl&auml;ngert wurden und setzt euch im Zweifel mit EIRENE in Verbindung: (02631) 83790.</p>
<p>Wie immer freue mich &uuml;ber jede E-Mail.</p>
<p>Eine gute Lekt&uuml;re und &hearts;-liche Gr&uuml;&szlig;e aus Chicago-</p>
<p>Euer Willem</p>
<h3>Summertime, and the living is easy</h3>
<p>Verf&uuml;gte jeder Ort &uuml;ber eine ihm zugeh&ouml;rige Jahreszeit, Back of the Yards w&auml;re dem Sommer verbunden. </p>
<p>W&auml;hrend der hei&szlig;en Monate bl&uuml;ht die Nachbarschaft regelrecht auf: Eine Bus-Haltestelle wird um einige Klappst&uuml;hle erg&auml;nzt zum sozialen Treffpunkt, auf der gegen&uuml;berliegenden Stra&szlig;enseite lassen sich an einem Verkaufsstand Marke Eigenbau saftige Hamburger und Hot Dogs erwerben. Dazu gibt es sogar ein Getr&auml;nk gratis! Abends versammelt man sich in Parks, es finden Block Parties statt und wohin man auch geht, Musik erf&uuml;llt die Luft. Passend dazu verwandelt ein Rudel Gl&uuml;hw&uuml;rmchen unseren Vorgarten in ein Lichtermeer. &Uuml;berhaupt scheint jeder besserer Laune zu sein, selbst der dubiose G&uuml;rtelverk&auml;ufer trennt sich heute von einem feinen St&uuml;ck aus Rindsleder, Gucci, garantiert echt, und das f&uuml;r only 20 bucks.</p>
<p>Wie einst der Rattenf&auml;nger von Hameln kreisen die Icecream-Trucks durch die Nachbarschaft, deren Zielgruppe hat schulfrei, die Nachfrage ist stetig, selbst wenn aus den schrillen Lautsprechern anstelle der &uuml;blichen Beethoven-Verst&uuml;mmelung Jingle Bells kr&auml;chzt. Oh what fun it is to ride, in a one horse open slay, in July!</p>
<h3>The Fourth of July</h3>
<p>Sp&auml;testens seit Roland Emmerich im Jahre 1996 eine Heerschar &uuml;belriechender Au&szlig;erirdischer auf die Kinozuschauer los lie&szlig;, ist der Independence Day oder 4th of July auch Franz Josef aus K&ouml;ln-Porz ein Begriff.</p>
<p>Es ist der Tag, an dem man sich auf die Schulter klopft und dem Kampf gegen die britischen Unterdr&uuml;cker gedenkt, zufrieden sein Light Beer schl&uuml;rft, wahlweise aus einem roten oder blauen Plastikbecher.  Selbst das in BBQ Sauce schwimmende Rib-Eye Steak scheint sich heute auf dem Grill besonders wohl zu f&uuml;hlen.</p>
<p>Es ist ebenfalls der Tag der Pyromanen, die nach D&auml;mmerung wieder gut machen, was an Neujahr vers&auml;umt wurde.</p>
<p>In der Nachbarschaft lie&szlig;en sich in den Wochen vor dem gro&szlig;en Festtag an Stelle von Handfeuerwaffen des Ã–fteren mal Feuerwerksk&ouml;rper vernehmen. Eine gelungene Abwechslung, wenn auch rein rechtlich erw&auml;hnt werden muss, dass der Besitz von Feuerwerk gegen&uuml;ber dem von Schusswaffen in Illinois illegal ist.</p>
<p>Die Gemeinschaft zelebrierte den Unabh&auml;ngigkeitstag im eigenen Garten- Mit allem, was die amerikanische K&uuml;che auszeichnet: Burger, Hot Dogs, Nudelsalat und Cola vom Fass. Nach Einbruch dessen, was in Chicago allgemein als Dunkelheit bezeichnet wird, bestaunten wir dann vom Dach aus das Feuerwerk, welches  &uuml;ber mehrere Stunden hinweg das Himmelszelt schm&uuml;ckte. (s. Foto S. 1)</p>
<h3>August</h3>
<p>Der Monat August erreichte auf der nach oben offenen ChaosSkala einen solide 52.8. Drei Teammitglieder verlie&szlig;en die Gemeinschaft und zwei weitere traten von langer Hand geplante Urlaube an. F&uuml;r eine Weile waren wir somit relativ d&uuml;nn besetzt, bevor wir mit Elena und Julian zwei neue Freiwillige willkommen hie&szlig;en.</p>
<p>Aus K&ouml;ln besuchte mich f&uuml;r knapp drei Wochen mein Kumpel J&ouml;rn. F&uuml;r die Dauer seines Aufenthalts im Haus wohnend, erlebte er das Gemeinschaftsleben hautnah. Nicht fehlen durfte das obligatorische Sight Seeing in den besser situierten Teilen der Stadt, inklusive Besuch eines Baseballspiels der Chicago White Sox. F&uuml;r mich ein Sport, der viel mit dem Konsum eines Kaugummis gemein hat: Nach einer Weile vermisst man den frischen Geschmack und es zieht sich etwas. Die Veranstalter haben sich allerhand einfallen lassen, um diesen Effekt auszugleichen: Ein pomp&ouml;ses Rahmenprogramm verzauberte die angetrunkenen Zuschauer mit Gewinnspielen, Animatoren, T&auml;nzern, Fallschirmspringern, Feuerwerk und Konzert mit Elvis-Double.</p>
<h3>Tempestad</h3>
<p>Am 4. August wurde ich Zeuge dessen, was die Gl&auml;ubigen unter uns als die Wiederkehr der Sintflut verstanden haben m&uuml;ssen. </p>
<p>Ich stand auf dem Parkplatz unseres Stammlokals La Condesa, w&auml;hrend 20 Blocks n&ouml;rdlich ein schwarzer Schleier die Sicht auf die Skyline verdeckte. Zwei Minuten sp&auml;ter prallten erste Regentropfen auf den Asphalt, als wolle der Himmel mir begreiflich machen, dass dies ein geeigneter Zeitpunkt sei, sich in Sicherheit zu bringen. Duck and Cover. Weitere zwei Minuten vergingen, da hatte der himmlische Vater sein Stroboskop ausgepackt und anstelle von Engelstrompeten erdr&ouml;hnten Paukenschl&auml;ge. Klingt romantisch, war es auch.</p>
<p>Ich setzte mich eine Weile den Sturmb&ouml;en aus, bevor ein Blitzeinschlag im Umkreis von zwei Blocks die Lichter erl&ouml;schen lie&szlig;, die Gelegenheit f&uuml;r meine Kollegen, der Guacamole gute Nacht zu sagen. Es folgte ein Mitleid erregender Versuch, trocken zum Fluchtauto zu gelangen, das auf der Heimfahrt durch teils kniehohes Wasser echte Offroad-Qualit&auml;ten beweisen musste.</p>
<p>Am n&auml;chsten Morgen k&uuml;mmerten wir uns um diverse Pf&uuml;tzen im Haus. Ein Blick in den Chicago Tribune belegte, dass der Sturm tats&auml;chlich biblische Ausma&szlig;e angenommen hatte. W&auml;hrend der Hochphase verzeichnete man im Stadtgebiet 800 Blitzeinschl&auml;ge pro Minute! Das entspricht der Menge, die sich  normalerweise in einem halben Jahr hier zur Ruhe setzen. Ein Baseballspiel der Chicago Cubs wurde sprichw&ouml;rtlich abgeblasen, als ein Tornado die Anzeigetafel lahmlegte. Chicago hei&szlig;t eben nicht umsonst The Windy City.</p>
<h3>Familias</h3>
<p>Seit einigen Wochen haben wir wieder f&uuml;nf Familien bei uns zu Gast. Ich habe festgestellt, dass es mir mit der Zeit leichter f&auml;llt, mich auf neue Familien einzulassen, w&auml;hrend die Verabschiedung von Familien sich zunehmend schwieriger gestaltet. Emotionales Engagement geht einfach mit aktivem Mitleid, wie ich den englischen Term Compassion &uuml;bersetze, einher. Und das ist gut so, auch wenn es zwischen unseren G&auml;sten oft hei&szlig; her geht und in der Streitschlichtung selbstredend unsere Unabh&auml;ngigkeit vorausgesetzt wird.</p>
<p>Jeder im Team hat von Zeit zu Zeit einen besonderen Liebling unter den Kids. So habe ich mir schon den Spitznamen Tata eingehandelt, weil sich die zehnmonatige Ciara (Name ge&auml;ndert) auf meinem Arm wohler f&uuml;hlt, als bei ihrer Mutter. Die nimmt das Ganze recht sportlich, immerhin hat sie erst k&uuml;rzlich ihr viertes Kind zur Welt gebracht, womit unsere Gemeinschaft 27 Mitglieder z&auml;hlt. Genau so stolz wie die leiblichen Eltern bin ich allemal, wenn die Kleinen ihr erstes spanglishes Wort hervorbringen, die ersten Schritte gehen oder ihr Potty Training erfolgreich abschlie&szlig;en, was weniger Windeln wechseln bedeutet- eine echte Win-Win-Situation, wie man in der Branche sagt.<br />
Wenn die ehemaligen Familien dann nach einer Weile mal wieder bei uns vorbeischauen, h&ouml;re ich mich reflexartig sagen &bdquo;You&rsquo;ve gotten big!!&rdquo; und pl&ouml;tzlich komme ich mir ganz alt vor.</p>
<p>Im Juli folgten Gina und ich der Einladung einer ehemaligen Su Casa Bewohnerin, die anl&auml;sslich ihres 15. Geburtstags eine sogenannte Quincea&ntilde;era ausrichtete.</p>
<p>Das Programm der Veranstaltung erinnerte  sehr an eine Hochzeit, inklusive kirchlicher Zeremonie, Limousinenfahrt zum Ort des Banketts wo die gl&uuml;ckliche Nun-Frau erst einmal mit s&auml;mtlichen G&auml;sten abgelichtet wurde, bevor sie mit den anwesenden M&auml;nnern zu tanzen hatte. Ich wusste ja, dass der Tanzkurs sich irgendwann auszahlen w&uuml;rde. Eine beeindruckende Torte kr&ouml;nte den Abend kulinarisch.</p>
<p>Einer besonderen Erw&auml;hnung bedarf der Dress Code: Weibliche Familienmitglieder muteten wie die Protagonistinnen aus einem Disney-Zeichentrickfilm an, die 15-j&auml;hrigen Cousins erschienen in Milit&auml;runiformen, am G&uuml;rtel lose baumelnd Blechs&auml;bel. Der &auml;lteste Bruder durfte in wei&szlig;er Uniform w&auml;hrend diverser choreographischer Popanzen eine symboltr&auml;chtige rote Rose &uuml;berreichen.</p>
<h3>Zoo Casa</h3>
<p>So manchem Deutschen auf USA-Urlaub wird bei ihrem Anblick das Herz in die Hose gerutscht sein: Kleintransporter mit der Aufschrift Pest Control. Und tats&auml;chlich geht ihr Auffahren mancherorts mit Gef&uuml;hlen einher, die noch aus der Zeit des Schwarzen Todes stammen k&ouml;nnten. Dabei meinen es die Sch&auml;dlingsbek&auml;mpfer doch nur gut! Zwischen Kalifornien und Florida stehen die Exterminatoren ganzj&auml;hrlich hoch im Kurs, w&auml;hrend sie in Chicago Saisonarbeit verrichten. Von November bis April ist es hier schlicht zu kalt, um in die krabbelnde Bredouille zu kommen. Nun handelt es sich bei Su Casa um keinen gew&ouml;hnlichen Haushalt und manche unserer G&auml;ste tun sich zugegebenerma&szlig;en schwer, Lebensmittel luftdicht im K&uuml;hlschrank anstelle von Kommoden zu lagern. So kommt es, das wir momentan einigen vom Aussterben bedrohten Spezies Asyl bieten. Besonders prominent: Hormigas (Ameisen), Larvas (Maden), Palomillas (Motten), Cucarachas (Schaben), Ratones &#038; Ratas (M&auml;use und Ratten).</p>
<p>Eine besondere Sensation stellte der Einzug einer Lausfamilie dar, die in einem Akt grenzenloser Solidarit&auml;t sowohl von Familien als auch Team aufgenommen wurden. Meines Dialekts wegen erw&auml;hlte man mich jedoch nicht zum Botschafter der V&ouml;lkerverst&auml;ndigung. Schabe, &auml;h Schade!</p>
<h3>Cocina Loca</h3>
<p>Wenn unsere G&auml;ste kochen, lassen sie es gerne krachen. Klotzen statt Kleckern hei&szlig;t die Devise. Gekleckert wird &uuml;brigens trotzdem noch. Ein kompletter Schrank in unserer K&uuml;che ist den roten Schoten vorbehalten. Bei soviel Scharfsinn flie&szlig;en beim gemeinsamen Abendessen schon einmal die Tr&auml;nen.</p>
<p>Da wundert es kaum jemanden, mit welcher Fulminanz das dazu gereichte Getr&auml;nk daher kommt, das den unschuldigen Namen Agua tr&auml;gt. Manch einer wird sich vielleicht an die Ern&auml;hrungs-Erziehung in der Grundschule erinnern, wo anhand von W&uuml;rfelzucker veranschaulicht wurde, wie viel Zucker eine Dose Coca-Cola enth&auml;lt. Was allabendlich in unserer K&uuml;che geschieht, steht dieser Lehrmethode in nichts nach: Die Zubereitung des Gebr&auml;us beginnt vielversprechend mit echten Fr&uuml;chten. Doch was so hoffnungsvoll startet, wird unter Zugabe von einem Kilogramm Zucker zu einer Hommage an Karius und Baktus und bringt besonders die kleinen G&auml;ste vorm schlafen gehen noch einmal in Schwung.</p>
<h3>Epilog</h3>
<p>Gut dreieinhalb Monate in Su Casa stehen mir noch bevor- Eine sehr begrenzte Zeit angesichts der meiner weiterhin rege wachsenden Todo-Liste. Su Casa ist dank gro&szlig;z&uuml;giger Spenden in der Lage, grundlegende Renovierungsarbeiten durchzuf&uuml;hren und ich bin gl&uuml;cklich, diese noch w&auml;hrend meines Dienstes mitzuerleben. Auf der rechten Seite seht ihr beispielsweise unsere brandneuen Waschmaschinen und Trockner. Nachdem wir vor 6 Monaten zeitweise nur eine intakte Waschmaschine f&uuml;r 30 Bewohner zur Verf&uuml;gung hatten, erscheint das als ein echter Luxus. Mehr zu New Casa im n&auml;chsten Rundbrief.</p>
<p>Zum Abschluss ein Zitat von John Dearden, Erzbischof von Detroit, das ich als Workaholic sehr hilfreich finde. Rechts meine sinngem&auml;&szlig;e &Uuml;bersetzung.</p>
<p>We cannot do everything,<br />
and there is a sense of liberationâ€š<br />
in realizing that.<br />
This enables us to do something<br />
and to do it very well.<br />
It may be incomplete,<br />
but it is a beginning,<br />
a step along the way,<br />
an opportunity for the Lord&rsquo;s grace<br />
to enter and do the rest.</p>
<p>Wir k&ouml;nnen nicht alles tun,<br />
(und) das zu begreifen verleiht uns<br />
ein Gef&uuml;hl der Befreiung.<br />
Es erm&ouml;glicht uns, etwas zu tun,<br />
und dieses (etwas) sehr gut zu tun.<br />
Es mag unvollst&auml;ndig sein,<br />
aber es ist ein Anfang,<br />
ein Schritt in die richtige Richtung,<br />
eine M&ouml;glichkeit f&uuml;r Gottes Gnade,<br />
einzuschreiten und den Rest zu tun.</p>
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		</item>
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		<title>Rabenzunge No. 3</title>
		<link>http://rabenzunge.net/2008/07/02/rabenzunge-no-3/</link>
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		<pubDate>Wed, 02 Jul 2008 06:41:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Willem</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[rabenzunge]]></category>

		<category><![CDATA[german]]></category>

		<category><![CDATA[newsletter]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum Einstieg mÃ¶chte ich meinen ausdrÃ¼cklichen Dank an Rainer Papp und die Gemeinsame Verlagsauslieferung GÃ¶ttingen richten, die den Versand der Rabenzunge fÃ¼r mich Ã¼bernehmen!
Mein Dank geht auch an die netten UnterstÃ¼tzer, die mir RÃ¼ckmeldungen auf die letzte Rabenzunge haben zukommen lassen. Dies kÃ¶nnt ihr nun Ã¼brigens auch auf der neuen Website www.rabenzunge.net tun.
Der nÃ¤chste Rundbrief [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Einstieg mÃ¶chte ich meinen ausdrÃ¼cklichen Dank an Rainer Papp und die Gemeinsame Verlagsauslieferung GÃ¶ttingen richten, die den Versand der Rabenzunge fÃ¼r mich Ã¼bernehmen!<span id="more-17"></span></p>
<p>Mein Dank geht auch an die netten UnterstÃ¼tzer, die mir RÃ¼ckmeldungen auf die letzte Rabenzunge haben zukommen lassen. Dies kÃ¶nnt ihr nun Ã¼brigens auch auf der neuen Website www.rabenzunge.net tun.</p>
<p>Der nÃ¤chste Rundbrief wird voraussichtlich im August erscheinen, das hÃ¤ngt selbstverstÃ¤ndlich von vielen Faktoren ab, auf die ich keinerlei Einfluss habe&#8230; Ihr kennt das Spiel ja inzwischen.</p>
<p>Eine gute LektÃ¼re und herzliche GrÃ¼ÃŸe aus Chicago-</p>
<p>Euer Willem</p>
<h3>Neun Monate Chicago, eine (Zwischen-)Bilanz</h3>
<p>Schon 300 Tage seit meinem Einzug in Su Casa?! Wieder einmal versuche ich, mein GedÃ¤chtnis einem Magnetband gleich zurÃ¼ckzuspulen, die verwahrlosten Deutschkenntnisse zu reaktivieren um das Ganze in literarisch gut verdaulicher Form zu servieren.</p>
<p>Es fÃ¤llt mir jedes Mal gleichermaÃŸen schwer, mich auf das Schreiben des Rundbriefs zu konzentrieren. Nicht, dass es an RÃ¼ckzugsmÃ¶glichkeiten mangelt- Das Haus ist so groÃŸ, wir verfÃ¼gen Ã¼ber doppelt so viele RÃ¤ume wie wir Bewohner beherbergen. Aber wohin ich mich auch zurÃ¼ckziehe, irgend etwas kommt immer dazwischen. So auch im folgenden Beispiel:</p>
<p>Ich sitze auf der Feuerleiter mit Blick auf den Innenhof und bin in Gedanken versunken, als mich ein EichhÃ¶rnchen Ã¼berrascht, das ganz frech neben mir Platz nimmt und interessiert meinen Laptop beÃ¤ugt. Ich stelle mir die Frage, ob das Sciurus Urbanus neben dem Inhalt unserer MÃ¼lltonnen auch deutsche Freiwillige zu seinen Nahrungsressourcen zÃ¤hlt. Um Revierstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen und dem sich ankÃ¼ndigenden Gewitter zu entkommen verlagere ich mein kreatives Zentrum zurÃ¼ck ins Haus, gerade rechtzeitig, um einer klassischen Chicagoer Klimastrophe zu entgehen: Ein Donnerschlag bricht das Schweigen der schwÃ¼len Mittagshitze und lÃ¶st ein halbes Dutzend Auto-Alarmanlagen aus. Der bleigraue Himmel bricht auf und ich kann vom Fenster aus die Wartenden vor der sonntÃ¤glichen Soup Kitchen beobachten, die der unfreiwilligen Dusche so gar nichts abgewinnen kÃ¶nnen.</p>
<p>Ich Ã¼berlege, wie sich mein Leben auf gescheite Art und Weise bilanzieren lieÃŸe. Mein Blick fÃ¤llt auf meine Schuhe, ein Paar schwarze Adidas, die mich seit meiner Anreise im August auf Schritt und Tritt begleiteten. Das Kunstleder sieht  mitgenommen aus, Wandfarbe hat feine Spuren hinterlassen und der rechte Schuh geht dank eines Lochs als atmungsaktiv durch.</p>
<p>Ganz Ã¤hnlich ist es dem Rest meiner Garderobe ergangen. Was im Textileinzelhandel als en vogue propagiert wird, habe ich auf klassischem Wege erzeugt. FÃ¼r mich hat das den praktischen Nebeneffekt, dass ich mir um den Zustand meiner Kluft keine Gedanken mehr zu machen brauche. Ã–konomen sprechen hier von vollstÃ¤ndig abgeschriebenen AnlagegÃ¼tern.</p>
<p>Welche Spuren haben neun Monate Ghetto an mir hinterlassen? Auf physischer Seite kÃ¶nnte man einen RÃ¼ckgang der Fitness vermuten. Der lange Winter und die Bequemlichkeit, Bett und BÃ¼ro nur durch eine Treppe getrennt zu wissen&#8230; Wilden Spekulationen kann ich vorwegnehmen, dass ich dem Fast Food nicht zum Opfer gefallen bin- Den eifrigen Metabolismus habe ich beibehalten, selbst die berÃ¼chtigte mexikanische Hausmannskost konnte daran nichts Ã¤ndern. Psychologisch wÃ¼rde ich mich als stabil bezeichnen. Es ist eine erhÃ¶hte Stressresistenz zu verzeichnen, die in hÃ¶heren Frequenzbereichen in einer ImmunitÃ¤t gegenÃ¼ber Babygeschrei resultiert.</p>
<h3>Zwischenseminare im monetÃ¤ren MÃ¤rz</h3>
<p>Da ich mich im Rahmen eines Freiwilligenprogramms im Projekt befinde, musste ich an zwei Zwischenseminaren teilnehmen. FÃ¼r mich bedeutete das, viel Geld fÃ¼r FlÃ¼ge kreuz und quer durchs Land auszugeben um unter vermeintlich Gleichgesinnten schlechtes Essen und strukturiertes Nichtstun zu genieÃŸen.</p>
<p>Verzeihung, das wird dem Ganzen wirklich nicht gerecht, lasst mich noch einmal von Neuem beginnen:</p>
<p>Als Freiwilliger genieÃŸe ich das Privileg, wÃ¤hrend meines Dienstes fÃ¼r zwei Wochen dem Projekt entfliehen zu kÃ¶nnen, um in einer meiner Erholung zutrÃ¤glichen Umgebung mit den lieb gewonnenen Mitfreiwilligen des Ausreiseseminars Erfahrungen auszutauschen.</p>
<p>Per Flieger und Greyhound ging es erst einmal von Chicago nach Jekyll Island, Georgia. Die Insel, die sich mit ihren vier GolfplÃ¤tzen selbstbewusst der Zielgruppe stellt, wusste besonders die aus den kÃ¤lteren Gegenden Angereisten zu begeistern: Sandstrand eine Minute vom Bungalow, T-Shirt-kompatibles Wetter im MÃ¤rz und ein offen gehaltener Zeitplan seitens EIRENE lieÃŸen die Woche schnell vergehen und kaum einer wird sich erinnern, dass wir zu siebt ein enges Zimmer teilten.</p>
<p>Vom malerischen SÃ¼d-Westen der USA machten wir uns auf den Weg zum BVS-Zwischenseminar, das nahe Chicago stattfinden sollte. Die Reise dorthin wurde allerdings durch Tornados in Atlanta erschwert, wo wir wÃ¤hrend eines Zwischenstopps erfuhren, dass unser Anschlussflug gestrichen worden war. Mit ErsatzflÃ¼gen kamen wir dann aber doch noch rechtzeitig zum Seminar.</p>
<p>Dort, in einem Camp eine Stunde westlich von Chicago, mussten wir statt DÃ¼nen mit einem RodelhÃ¼gel Vorlieb nehmen. Ich enthalte mich an dieser Stelle weiterer Informationen dazu.</p>
<h3>Besuch von Mama</h3>
<p>Im Mai bekam ich Besuch von meiner Mutter Beate, die mit einer Freundin fÃ¼r zwei Wochen in die Staaten kam. Eine willkommener Anlass, als TouristenfÃ¼hrer anzuheuern. Da der SÃ¼den Chicagos touristisch vergleichsweise uninteressant daher kommt, verbrachten wir die meiste Zeit im Stadtzentrum, welches dem hungrigen Reisenden allerhand zu bieten hat: Der prestigetrÃ¤chtige Millennium Park, Museen fÃ¼r jeden Geschmack, der Blick Ã¼ber die Stadt vom Hancock Center, eine Bootstour auf dem Chicago River, Chicagoer Deep Dish Pizza- langweilig wurde es nicht.</p>
<p>Nach einer Woche unter der kaukasoid-amerikanischen BevÃ¶lkerung kam ich mir schlieÃŸlich selbst wie ein Tourist vor. Am Muttertag veranstalten wir in Su Casa ein Dinner, zu dem Cesar, Freund des Hauses und seines Zeichens Chef de Cousine in einem Edelrestaurant, die Messer wetzte.</p>
<h3>Welcome to the Jungle / Ode a. d. Hausmeister</h3>
<p>WÃ¤hrend des Winters bedurfte vor Allem unser Boiler meiner aufmerksamen Wartung. Irgendwann im Februar stand ein findiger Mensch vor der TÃ¼r und stellte sich als der Herr vom Water Treatment vor. Er erklÃ¤rte mir, dass dem Wasser in unserem Heizsystem regelmÃ¤ÃŸig Chemikalien zuzusetzen seien, um RostschÃ¤den und dergleichen zu vermeiden. Diese Ã¤uÃŸerst nÃ¼tzliche Information kam spÃ¤t. Der Rost war seinem Ruf voraus geeilt und hatte uns bereits ein Loch den Wassertank gefressen. Siedendes Wasser spritzte fontÃ¤nenartig durch den Boilerraum.<br />
Ein wenig Ã¤therisches Ã–l hÃ¤tte uns noch gefehlt, um die erste finnische Sauna der Southside zu erÃ¶ffnen.</p>
<p>GlÃ¼cklicherweise kamen uns die warmen Temperaturen entgegen, sodass der Boiler in den wohlverdienten Sommerschlaf versetzt werden konnte. Es bleibt zu hoffen, dass wir innerhalb der nÃ¤chsten Monate Ã¼ber finanzielle Mittel verfÃ¼gen, um den rostigen Koloss wieder auf Vordermann zu bringen. Neben dem Boiler sind es immer wieder die Ã¼blichen VerdÃ¤chtigen, nÃ¤mlich Toiletten, Waschmaschinen und der Ofen, die spontan den Geist aufgeben.</p>
<p>Meiner besonderen Zuneigung erfreut sich unser Feueralarm-System, dass zwar (zum GlÃ¼ck) noch keinen Brand zu melden hatte, uns aber trotzdem bei heiÃŸen Temperaturen regelmÃ¤ÃŸig mit Fehlalarmen Ã¼berrascht. Das geschieht meist nachts und zieht einen Rundgang durch sÃ¤mtliche RÃ¤ume nach sich, um den defekten Melder ausfindig und unschÃ¤dlich zu machen.</p>
<p>Die meiste Zeit verbrachte ich seit dem letzten Rundbrief mit Ã–ffentlichkeitsarbeit wie der Erstellung einer neuen InternetprÃ¤senz fÃ¼r das Projekt (im Netz auf www.sucasacw.org) und der Ãœberarbeitung unseres quartalsweise erscheinenden Rundbriefs Kairos. Eine Kopie der letzten Ausgabe habe ich euch beigelegt.</p>
<h3>Ferien auf dem Bauernhof</h3>
<p>Meine liebe Kollegin Josie lud Chantal und mich ins lÃ¤ndliche Illinois ein, wo ihre Eltern inmitten von HÃ¼hnern, Schafen und schier endloser Felder ein gemÃ¼tliches Blockhaus samt Teich ihr Eigen nennen.</p>
<p>Josie fragte mich im Voraus, wie ich mir denn so den Urlaub auf dem Land vorstellte, worauf ich entgegnete: â€žIch mÃ¶chte einen Cowboy-Hut tragen und Schrotflinte schieÃŸen!â€œ Wir ergÃ¤nzten diese tollkÃ¼hne Liste noch um Kayak fahren, einen Kirmesbesuch und einer Sitzung im hauseigenen Whirlpool.</p>
<p>Besonders spannend war ein Ausflug mit Josies Vater, der mich in die hohe Kunst des Angelsports einwies. Wie sich herausstellte unter besten Voraussetzungen: Wir waren kaum eine Viertelstunde auf â€žFischpirschâ€œ, da hatte ich auch schon einen stattlichen Barsch am Haken, den ich nach dem obligatorischen Beweisfoto wieder in sein Element entlieÃŸ.</p>
<h3>Memoiren eines KindergÃ¤rtners</h3>
<p><i>labor i, 2008-05-28, 10:58 cst. house manager: rabe, w.</i></p>
<p>Der Proband ist 2.6 Jahre alt, misst 90cm, wiegt bei Ãœbergabe an den House Manager (â€œHMâ€) 16kg und erfreut sich guter geistiger und kÃ¶rperlicher Gesundheit.</p>
<p><b>10:58 </b>Das mÃ¼tterliche Kontrollorgan (â€œmKâ€) kÃ¶dert den Probanden mittels eines Dauerlutschers, Geschmacksrichtung: Cola, in den Raum.</p>
<p><b>11:02 </b>Der HM stellt dem Probanden VersuchsgegenstÃ¤nde	IIb (â€œBauklÃ¶tzeâ€) und IIc (â€œAuto, ferngesteuertâ€) vor. 	OriginÃ¤re Reaktion: abweisend.</p>
<p><b>11:07 </b>Der Proband verfÃ¤llt in einen Zustand sich steigernder Hysterie, postuliert Verlangen nach mK.</p>
<p><b>11:10 </b>Proband weiterhin in hysterischem Zustand, entleert Mageninhalt oral- Analyse des Erbrochenen emergiert Spuren von â€œCorn Flakesâ€.</p>
<p><b>11:15 </b>Proband unruhig.</p>
<p><b>11:20 </b>Weitere vom HM eingebrachte VersuchsgegenstÃ¤nde	IIIa-d stoÃŸen auf keinerlei partizipative Reaktion des Probanden.</p>
<p><b>12:12 </b>Proband scheint gefasster, kanalisiert Stress in kinetische Energie gegen VersuchsgegenstÃ¤nde.</p>
<p><b>12:15 </b>Proband zeigt starke Reaktion auf Versuchsgegenstand IIIe (Helikopter, aufziehbar), annektiert Vg.</p>
<p><b>12:16 </b>Proband sucht den Dialog mit HM, drÃ¼ckt gesteigerte Satisfaktion ob seiner Funktion innerhalb des Szenarios aus.</p>
<p><b>12:52 </b>RÃ¼ckkehr des mK in das Szenario. Proband strÃ¤ubt sich gegen Entfernung aus dem Raum, klammert sich an Beine des HM.</p>
<p><b>12:54 </b>mK entfernt Proband aus dem Szenario.</p>
<h3>Ein Tag in Big Apple</h3>
<p>Im Juni begleitete ich Gina auf einen Kurztrip in ihre Heimatstadt Philadelphia. Dort bot sich uns die Gelegenheit, fÃ¼r je einen Dollar nach New York City und zurÃ¼ck zu fahren. â€žDa wollte ich immer schon mal hin!â€œ kreischte ich, und so saÃŸen wir in aller HerrgottsfrÃ¼he in einem stark klimatisierten Bus, der uns im Herzen der grÃ¶ÃŸten Stadt des Landes absetzte.</p>
<p>Manhattan ist ein riesiger Ameisenhaufen. Auf einer FlÃ¤che, die der GrÃ¶ÃŸe der Stadt Neuwied entspricht, tummelt sich die BevÃ¶lkerung Hamburgs. Obwohl die Stadt Schauplatz etlicher Filme ist, musste ich erst dort gewesen sein, um New York zu begreifen.</p>
<p>ZwÃ¶lf Stunden im Herzen des urbanen Chaos waren gerade genug, um die wichtigsten Attraktionen auf meiner Liste abhaken zu kÃ¶nnen: Times Square, Central Park, Grand Central Station, Ground Zero, Liberty Island und schlieÃŸlich das Empire State Building.</p>
<p>Noch bevor ich in den etwas weniger stark klimatisierten Bus Richtung Philadelphia einstieg, stand fÃ¼r mich fest, dass dies nicht der letzte Besuch gewesen sein wÃ¼rde. NÃ¤chstes Mal packe ich dann auch die gute Kamera ein.</p>
<h3>Das Team im Umschwung</h3>
<p>Momentan befindet sich das Team in einer Ãœbergangsphase. Gina ist nach 9 Monaten zwecks Studium in den Nachbarstaat gezogen, Ellen wird uns nÃ¤chsten Monat verlassen. Gleichzeitig begrÃ¼ÃŸen wir Tracy aus Ohio, die fÃ¼r ein Jahr in Su Casa leben wird. AuÃŸerdem hieÃŸen wir Venus und Justin willkommen, die dem Haus seit Jahren auf Wochenend-Basis aushelfen und sich nun samt TÃ¶chterchen einquartiert haben. Doch damit nicht genug: Zack und Sean aus Indiana werden uns die Sommermonate Ã¼ber Gesellschaft leisten. Bei so vielen neuen Gesichtern geht es jetzt erst einmal darum, die Routine des Teams wieder herzustellen.</p>
<h3>Zukunftsplanungen</h3>
<p>Vor meiner Abreise Richtung USA wurde ich gelegentlich nach meinen Zukunftsplanungen gefragt. Ich beantwortete dies stets wahrheitsgemÃ¤ÃŸ mit â€œKeine Ahnung, das entscheide ich dann drÃ¼benâ€. Es war im Februar diesen Jahres, dass ich mir vermehrt Gedanken darÃ¼ber machte, wie meine Zukunft aussehen sollte. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei sicher die Beziehung, in der ich mich seit nunmehr sieben Monaten befinde. Ihr erlaubt, dass ich auf diese hier nicht weiter eingehe.</p>
<p>Ich habe mich entschieden, meinen Dienst hier in Su Casa um 6 Monate bis Ende Januar 2009 zu verlÃ¤ngern. Das gibt mir ein Zeitpolster, einige grÃ¶ÃŸere Projekte im Haus anzugehen und nebenbei meine Zukunft zu planen. Das bedeutet auch, dass diesem Rundbrief noch drei weitere folgen werden.</p>
<p>Keine Angst, die finanzielle UnterstÃ¼tzung meines Freiwilligendienstes wird damit nicht automatisch verlÃ¤ngert. Ich mÃ¶chte niemanden nolens volens das Geld aus der Tasche ziehen. Lasst es uns so regeln: Wenn ihr weiterhin finanziell Beistand leisten mÃ¶chtet, meldet euch bei mir oder EIRENE. HÃ¶re ich nichts von euch, gehe ich davon aus, dass die UnterstÃ¼tzung wie ursprÃ¼nglich geplant auslÃ¤uft.</p>
<p>MÃ¶chtet ihr mich nicht weiter pekuniÃ¤r unterstÃ¼tzen aber trotzdem meinen Rundbrief zugeschickt bekommen, ist das auch kein Problem, eine E-Mail genÃ¼gt. Ich bin froh Ã¼ber jedes Exemplar, das auf Interesse stÃ¶ÃŸt.</p>
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		<title>Rabenzunge No. 2</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Feb 2008 17:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Willem</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Einleitend mÃ¶chte ich mich fÃ¼r die VerzÃ¶gerung entschuldigen, die diesem Rundbrief vorausgegangen ist. Ich war nicht etwa untÃ¤tig oder zu faul, diese Rabenzunge ins Rollen zu bringen. Die Herausforderung bestand darin, bei voller Fahrt fÃ¼r einige Augenblicke den Blick nach hinten zu richten.
Seit meinem ersten Rundbrief im Oktober hat sich vieles verÃ¤ndert. In der Umgebung, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einleitend mÃ¶chte ich mich fÃ¼r die VerzÃ¶gerung entschuldigen, die diesem Rundbrief vorausgegangen ist. Ich war nicht etwa untÃ¤tig oder zu faul, diese Rabenzunge ins Rollen zu bringen. Die Herausforderung bestand darin, bei voller Fahrt fÃ¼r einige Augenblicke den Blick nach hinten zu richten.</p>
<p>Seit meinem ersten Rundbrief im Oktober hat sich vieles verÃ¤ndert. In der Umgebung, im Haus, in meinem Kopf. Dem entsprechend kommt dieser Rundbrief<span id="more-6"></span> etwas tiefgrÃ¼ndiger daher.</p>
<p>Ich werde versuchen den nÃ¤chsten Rundbrief im Mai zu fertigen, diese Angabe ist natÃ¼rlich ohne GewÃ¤hr. Mir ist auch klar, dass viele Fragen offen bleiben.</p>
<p>Habt ihr also Fragen, kÃ¶nnt ihr euch gerne direkt an mich wenden, entweder per E-Mail an willem at willenium dot net oder per Post an die oben genannte Adresse.</p>
<p>Eine gute LektÃ¼re und herzliche GrÃ¼ÃŸe aus Chicago-</p>
<p>Euer Willem</p>
<h3>In der Umgebung</h3>
<p>Chicago ist berÃ¼chtigt fÃ¼r seine extremen Winter. Die Metropole liegt fast durchgÃ¤ngig unter einer dichten Schneedecke, Temperaturen von Minus 20-30 Grad Celsius sind keine Seltenheit. Das setzt nicht nur den Menschen zu, sondern auch dem enormen StraÃŸennetz, das nach drei Monaten Eis und Schnee einer Mondlandschaft gleicht. Der Schneeteppich am Boden bildet das GegenstÃ¼ck zum immergrauen Himmel. Nachts hat das einen interessanten Nebeneffekt: Die enormen Licht-Emissionen Chicagolands tauchen die Nacht in einen bernsteinfarbenen Schleier- Es wird nicht dunkel. Der Mond hat am Nachthimmel nichts mehr zu melden. Hobby-Astronomen mÃ¼ssen schon einige Autostunden veranschlagen, um freie Sicht zu haben.</p>
<p>Back of the Yards scheint sich VÃ¤terchen Frost ergeben zu haben. Die BÃ¼rgersteige wirken fast wie ausgestorben, wer kann reist per Auto oder Bus. An Haltestellen der <i title="(Abk. f. Elevated, Chicagoer Hochbahn)">El</i> finden sich auf Knopfdruck beheizbare Wartebereiche, die den reisenden Chicagoaner schÃ¶n warm halten.</p>
<p>Su Casa begegnet der weiÃŸen Zeit mit unbÃ¤ndiger Heizkraft. Im Keller brummt das Herz des Hauses, ein Ã¼berdimensionaler Boiler, der ehemals noch eine angrenzende, inzwischen abgerissene Kirche mit beheizte.</p>
<p>Einmal in Gang gesetzt schafft der Boiler sein eigenes Ã–kosystem. Innerhalb unserer Mauern herrschen sommerliche Bedingungen. Mangels Luftfeuchtigkeit scheint sich das Haus elektrostatisch aufzuladen, sodass ich mir manchmal vorkomme wie eine Laborratte, die mit StromschlÃ¤gen diszipliniert werden soll- Bislang Ã¼brigens ohne Erfolg.</p>
<h3>Auf dem Haus</h3>
<p>Nachdem unser Dach in den letzten Jahren immer wieder geflickt wurde, war dieses Jahr eine KomplettÃ¼berholung angesagt. Die Firma, die uns in dieser Angelegenheit auf die HÃ¼tte stieg, bleibt vor allem durch die kleinen Skandale in Erinnerung, die sie auslÃ¶ste. Im Oktober wurden die Materialien angeliefert. Anstatt an unserer HaustÃ¼r zu klingeln und sich vorzustellen, zogen es die fingerfertigen Gesellen vor, das Schloss an unserem Hinterhof-Tor aufzubrechen. Wir ersetzten das Schloss und die 25 im Umlauf befindlichen SchlÃ¼ssel. Im Dezember war das Dach immer noch nicht fertig gestellt. Nun machte das Wetter weitere Arbeiten unmÃ¶glich. Zwischenzeitlich waren die Dachdecker mit ihrem LKW in das halboffene Hoftor gefahren, das seitdem nur noch zu zweit zu bewegen ist. Im Februar wurden die Arbeiten endlich abgeschlossen. Die fleiÃŸigen Handwerker transportierten ihre Werkzeuge ab und lieÃŸen die Ãœberreste des alten Dachs zurÃ¼ck, die nun rund um das Haus einen bleibenden Eindruck hinterlassen.</p>
<h3>Im Haus</h3>
<p>Bedenkt man, mit welch verschiedenen HintergrÃ¼nden die Freiwilligen hier auf die Familien treffen, ist es ist nicht schwer zu erraten: Konflikte sind vorprogrammiert. Die vergangenen Monate, insbesondere die Zeit zwischen Halloween und Neujahr, stellte das Team vor besondere Herausforderungen.</p>
<p>Im Oktober begrÃ¼ÃŸten wir eine Familie im Haus, die besonderes Konfliktpotential barg. Dies lag zum einen in ihrer GrÃ¶ÃŸe begrÃ¼ndet: Die Mutter brachte 7 ihrer 15 Kinder mit ins Haus, fÃ¼nf davon im Alter von 13 bis 17 Jahren. Relativ schnell stellte sich heraus, dass mehrere der Jugendlichen in Gangs verwickelt waren. Ein VerstoÃŸ gegen die Hausregeln. Wir drÃ¼ckten ein Auge zu, um nicht die ganze Familie wieder auf die StraÃŸe setzen zu mÃ¼ssen, stellten aber die Bedingung, sÃ¤mtliche gangbezogenen Bilder und KleidungsstÃ¼cke aus dem Haus zu entfernen. Die Situation schien unter Kontrolle.</p>
<p>Zu jenem Zeitpunkt hÃ¤uften sich auch FÃ¤lle von Diebstahl im Haus. Der sehr warme Herbst lieÃŸ mich die drei Sweatshirts nicht vermissen, die von der Leine verschwanden. Mitbewohner klagten ebenfalls Ã¼ber Kleiderschwund.</p>
<p>Mitte November unternahmen wir einen Roadtrip nach Columbus, Georgia, wo wir an einem Protest gegen die militÃ¤rische Beteiligung der USA in Zentralamerika teilnahmen. Es war eine nette Gelegenheit, mal ein paar andere Ecken der USA zu sehen. Die Fahrt fÃ¼hrte uns durch Indiana, Kentucky und Tennessee- Nicht unbedingt die aufregendsten Bundesstaaten, aber interessant genug, um sie zu durchqueren. Unterwegs machten wir einen Zwischenstopp in Atlanta, wo wir meine Mitfreiwilligen Ben und Christoph trafen.</p>
<p>Vier Tage und 2600 Kilometer spÃ¤ter kehrten wir nach Chicago zurÃ¼ck. Zu meiner Ãœberraschung fand ich mein Zimmer durchsucht vor, von meinem Laptop fehlte jede Spur. Die Stimmung im Haus stand unter Strom. Zwei zu diesem Zeitpunkt mit uns lebende Familien entschieden sich, das Haus zu verlassen.</p>
<p>Zwei Wochen spÃ¤ter verschwand ein weiterer Laptop. Wir konnten zwei 13 und 17 Jahre alte BrÃ¼der mit dem Diebstahl in Verbindung bringen. Wenig verwunderlich, dass es sich um Mitglieder oben erwÃ¤hnten achtkÃ¶pfigen Familie handelt. Es folgten mehrstÃ¼ndige Diskussionen im Team, wie damit umzugehen sein. Ich fÃ¼hlte mich wie ein KleingÃ¤rtner, dem man einen Mammutbaum zur Pflege Ã¼berlassen hat. Die Umtopfung gestaltete sich dann einfacher als gedacht: Die Familie bekam die Zusage fÃ¼r ein Wohnungsprogramm und konnte in der folgenden Woche das Haus verlassen.</p>
<p>Das Team ging aus dieser schwierigen Situation gestÃ¤rkt hervor. Wir haben erlebt, wie stark eine einzelne Familie die AtmosphÃ¤re im Haus beeinflussen kann, und wann wo die Grenzen unsere Kompetenz liegen. Erfahrungen, die sich nur in der Praxis machen lassen.</p>
<p>FÃ¼r etwa eine Woche im Dezember hatten wir nur eine einzige Mutter samt ihrer vier Kinder zu Gast. Dank einer vollen Warteliste lebten zu Weihnachten schon wieder vier Familien mit uns, Ende Januar begrÃ¼ÃŸten wir eine fÃ¼nfte.</p>
<p>Das Durchschnittsalter der Kinder sank von 11 auf 6, plÃ¶tzlich war die Windelnachfrage grÃ¶ÃŸer als die nach Internetzugang. Diesem Umstand habe ich auch einige neue Spitznamen zu verdanken: Willan, Billa, Batta und meinen persÃ¶nlichen Favoriten Winan.</p>
<h3>Fiesta en la Casa</h3>
<p>Ende Oktober lÃ¤uteten wir mit einer bunten Halloween-Party die Zeit der groÃŸen Feste ein. Dank groÃŸzÃ¼ziger Spenden konnten die Kids aus einer groÃŸen Auswahl KostÃ¼me wÃ¤hlen um das amerikanische Pendant zum Karneval stilecht zu begehen. Eine Studentengruppe half uns, Su Casa in ein Spukhaus zu verwandeln und veranstalte ein innerhÃ¤usiges <i title="Martinssingen, ohne singen...">Trick or Treat</i>, sehr zur Freude unserer zuckersÃ¼chtigen Zwerge.</p>
<p>Etwas weniger als einen Monat spÃ¤ter stand dann mit <i title="Erntedankfest">Thanksgiving</i> das nÃ¤chste groÃŸe Fest vor der TÃ¼r. Wir verbrachten drei Tage am StÃ¼ck in der KÃ¼che um das pompÃ¶se Festmahl vorzubereiten, zu dem wir auch ehemalige Familien und Freunde des Hauses einluden. Da sowohl Chantal als auch Ellen und Josie Thanksgiving mit ihren Familien verbrachten, war die Organisation Gina, Earl und mir Ã¼berlassen. Personalmangel zum Trotz lief aber alles reibungslos und wir sammelten Erfahrungen, die sich beim groÃŸen Weihnachtsessen einen Monat spÃ¤ter als wertvoll erweisen sollten.</p>
<p>Weihnachten stellte ein logistisches Abenteuer dar. An Heiligabend stellten wir ein Bankett auf die Beine, zu dem neben den Hausbewohnern sechs ehemalige Familien und wieder einmal allerhand Su Casa-Sympathisanten eingeladen wurden.</p>
<p>GlÃ¼cklicherweise mussten wir uns zumindest um die Beschaffung der Weihnachtsgeschenke wenig Sorgen machen- Zwei GivingTree-Programme versorgten basierend auf von uns ausgefÃ¼llten Wunschlisten mit Geschenken. Leider bekamen wir die Geschenke bereits verpackt, sodass wir sÃ¤mtliche Pakete noch einmal auspacken mussten, um festzustellen, ob das Geschenk auch mit der Beschreibung auf unserer Wunschliste Ã¼bereinstimmte. Eigentlich sollte man dem geschenkten Gaul ja nicht ins Maul schauen, im Nachhinein waren wir aber froh, den Inhalt Ã¼berprÃ¼ft zu haben. Ein als Anzughose deklariertes Paket konnte schon mal einen Jogginganzug enthalten und die vermeintlichen Spielzeugautos stellten sich als Vogelhaus-Set heraus. Die Ausbeute war allerdings sehr gut, sodass wir an Heiligabend fÃ¼r jeden der 60 Anwesenden ein adÃ¤quates Geschenk parat hatten.</p>
<p>Mir wird vor Allem das Essen in Erinnerung bleiben. Mit Hilfe der MÃ¼tter stellten wir ein umfangreiches Festmahl auf die Beine, das 50 ausgehungerte Bergleute hÃ¤tte sÃ¤ttigen kÃ¶nnen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ein Tiramisu zuzubereiten, was sich als nicht ganz einfach herausstellte: Die Beschaffung von 1.5kg Mascarpone lieÃŸ die Operation T. beinahe scheitern- Der delikate KÃ¤se aus Italien ist nur importiert erhÃ¤ltlich und entsprechend teuer. So ging dieses Dessert mit rund $100 an Zutaten in die Su Casa Geschichte ein. Die Latinos zogen das ihnen vertraute <i title="schwabbelige SÃ¼ÃŸspeise aus Eiern, Zucker und Milch">Flan</i> meiner exotischen Nachspeise vor, sodass das Team noch eine Woche nach Weihnachten mehrmals tÃ¤glich Tiramisu essen konnte.</p>
<p>Eine Bescherung am Morgen des 25.12. rundete unser Weihnachtsprogramm ab.</p>
<h3>Im Kopf</h3>
<p>WÃ¤hrend meiner Vorbereitung in Maryland nahm ich an einer Einheit teil, die sich mit der Frage beschÃ¤ftigte, unter welchem Motto sich unsere Arbeitsmoral zusammenfassen lieÃŸe. Ich wÃ¤hlte <i title="â€œIst eine Aufgabe Erledigung wert, erledige sie grÃ¼ndlichâ€">If a job is worth doing, itâ€™s worth doing well</i>. Die Umsetzung dieser Zeile auf Su Casa fiel mir schwer. Es erschien unmÃ¶glich, Arbeit und Freizeit ins Gleichgewicht zu bringen. Die grÃ¶ÃŸte Bremse ist das scheinbar endlose Chaos, der Bienenstock-Effekt, beschrieben im ersten Rundbrief, fehlender Ãœberblick.</p>
<p>Was den echten Bienenstock funktional macht, ist die Hingabe der einzelnen Biene. Auf Su Casa Ã¼bertragen sieht das nicht anders aus. FÃ¼r mich gab es nur eine Wahl: doing it well. well bedeutet nachhaltig. Das habe ich bei EIRENE gelernt. Was ist mein Aufenthalt hier wert, wenn die folgenden Freiwilligen vor den selben Problemen stehen?</p>
<p>Ich begann mein Vorhaben im dunkelsten Winkel des Hauses: Dem Werkzeugraum. In der entlegensten Ecke des Kellers versteckt sich hinter vergitterten Fenstern ein obskures Sammelsurium. Dieser Raum verleiht dem Term <i title="â€œgemischtâ€ / â€œunsortiertâ€">assorted</i> eine neue Dimension: Hunderte Werkzeuge, versteckt in unzÃ¤hligen Schubladen, die entweder jeglicher Beschriftung entbehren oder unleserliche spanische Titel tragen. Milchkartons aus den 70er Jahren dienen als BehÃ¤ltnis fÃ¼r Schrauben, ebenso die Pillendose aus den 1950ern, die den Besitzer als herzkrank ausweist. Ein ebenso alter Electrolux-Staubsauger trotzt mit seinem stromlinienfÃ¶rmigen Form der Zeit und 25 Dosen Insektenspray lassen erahnen, mit welchen Problemen in der Vergangenheit gekÃ¤mpft wurde. Hier herrschte Handlungsbedarf- Das Projekt <i title="â€œWerkzeugWahnsinnâ€">ToolrooMania</i> war geboren.</p>
<p>Eine Woche respektive 80 Arbeitsstunden spÃ¤ter sind etliche Kilogramm Schrauben in einem Regal verstaut, ich kann berichten, dass Su Casa im Besitz von 27 HÃ¤mmern ist. Die Haut zwischen meinen Fingern erinnert an Leder. Ob mein RÃ¼cken der Anstrengung oder der Bleikonzentration wegen schmerzt, ist von untergeordnetem Interesse, ich habe mich seit meiner Ankunft hier nie besser gefÃ¼hlt. Das zu erstrebende Gleichgewicht besteht nicht zwischen Freizeit und Arbeit besteht sondern zwischen der zu erledigenden Arbeit und dem Enthusiasmus, mit dem sie sich bewÃ¤ltigen lÃ¤sst.</p>
<p>Neben dem Werkzeugraum habe ich begonnen, die BÃ¼ros auf Vordermann zu bringen. WÃ¤hrend einer zwÃ¶lfstÃ¼ndigen AufrÃ¤umaktion im BÃ¼ro des House Managers entwickelte ich eine regelrechte Besessenheit- Manche Kolleginnen mÃ¼ssen sich noch daran gewÃ¶hnen, dass jedem achtlos abgelegten Ordner eine mÃ¼ndliche Abmahnung folgt.</p>
<p>Eine merkwÃ¼rdige Entwicklung der letzten Wochen ist, dass ich allnÃ¤chtlich von Su Casa trÃ¤ume. Diese TrÃ¤ume stehen immer im Zusammenhang mit den Ereignissen des vergangenen oder des anstehenden Tages, was manchmal zur Folge hat, dass ich vergesse, meine WÃ¤sche zu waschen, weil ich Ã¼berzeugt bin, dies bereits getan zu haben. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wohin das fÃ¼hrt. Mehr dazu im nÃ¤chsten Rundbriefâ€¦</p>
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		<title>Rabenzunge No. 1</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Oct 2007 17:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Willem</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Einleitend mÃ¶chte ich mich bei allen bedanken, die mich in den letzten Monaten unterstÃ¼tzt haben. Danke fÃ¼r euer Vertrauen! Danke an die groÃŸzÃ¼gigen Sponsoren. Ihr alle habt das hier mÃ¶glich gemacht!
Dies ist der erste von vier Rundbriefen, die dreimonatig erscheinen. Ich hoffe ich habe nichts ausgelassen, das fÃ¼r einen ersten Eindruck wichtig ist. In jedem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einleitend mÃ¶chte ich mich bei allen bedanken, die mich in den letzten Monaten unterstÃ¼tzt haben. Danke fÃ¼r euer Vertrauen! Danke an die groÃŸzÃ¼gigen Sponsoren. Ihr alle habt das hier mÃ¶glich gemacht!</p>
<p>Dies ist der erste von vier Rundbriefen, die dreimonatig erscheinen. Ich hoffe ich habe nichts ausgelassen, das fÃ¼r einen ersten Eindruck wichtig ist.<span id="more-8"></span> In jedem Fall freue ich mich Ã¼ber RÃ¼ckmeldungen und Fragen, gerne an meine E-Mail-Adresse willem@willenium.net oder ganz traditionell per Post, ein Brief braucht drei bis fÃ¼nf Tage Ã¼ber den Teich. Die Anschrift steht oben rechts.</p>
<p>Alle Rechtschreibfehler in diesem Dokument sind mit Absicht platziert und sollen den Schwund meiner Deutschkenntnisse illustrieren.</p>
<p>Eine gute LektÃ¼re und herzliche GrÃ¼ÃŸe aus Chicago</p>
<p>Euer Willem</p>
<h3>Corvus Fugit / Prolog</h3>
<p>FÃ¼r alle die, die jetzt erst zugeschaltet haben, lasse noch einmal kurz die Vorgeschichte Revue passieren: Im November 2005 hatte ich erstmals die Idee, einen Freiwilligendienst in den USA zu leisten. Mit der ersten Bewerbung kam ich allerdings nicht besonders weit, gerade mal 80 Kilometer. Nach Rheinlandpfalz, genauer: Neuwied. Das liegt zwar nicht in den USA, dafÃ¼r schenkt man dort KÃ¶lsch in WeizenglÃ¤sern aus. Man mag geteilter Meinung Ã¼ber KÃ¶lsch sein, aber das tut weder Bier und Trinker gut! ZurÃ¼ck nach Neuwied: Abgesehen von der morschen Bierkultur und der schÃ¶nen Lage am Rhein gibt es da noch eine besondere Attraktion: EIRENE, eine Organisation, die seit 50 Jahren den Friedenstauben Beine macht. Dort durfte ich 10 Monate lang als Zivildienstabgeordneter wirken und verwirklichen.</p>
<p>Der Zivildienst war meine Generalprobe fÃ¼rs Auslandsjahr. Dort konnte ich erfahren, wie man stilvoll Ãœberstunden leistet und wie man mit vielen Messern fÃ¼r noch mehr Menschen kocht.</p>
<p>Nebenbei bekam ich einen exklusiven Blick hinter die Kulissen eines Freiwilligendienstes, die sich stark auf die spÃ¤tere Auswahl meines Projektplatzes auswirken sollten. Die Monate sausten vorbei und plÃ¶tzlich war ich auch schon mit den Planungen fÃ¼r mein Auslandsjahr beschÃ¤ftigt. Flugtickets, Visum und Reisepass wollten besorgt werden. Nicht zu vergessen die Bewerbung bei BVS, EIRENEs Partner in den Staaten.</p>
<h3>Von Neuwied nach Neuwindsor</h3>
<p>Der erste Juli war Stichtag. Von Neuwied aus fuhr ich nach Odernheim am Glan, wo die erste Woche EIRENE-Ausreisekurs stattfinden sollte.</p>
<p>Ich war einer von 18 Freiwilligen, die nach dem Seminar nach Nordirland, Irland, Belgien, die Niederlande, Kanada und natÃ¼rlich in die USA ausreisen durften. Es war ein sehr schÃ¶nes Seminar. Es wurde sowohl inhaltlich als auch kulinarisch allerhand geboten. Die zweite Woche des Kurses fand in Neuwied statt. Das war angenehm, da ich dort noch mein komplett mÃ¶bliertes Zimmer hatte. Heimspiel, gewissermaÃŸen.</p>
<p>Im Anschluss an den Kurs richtete ich noch eine Bon Voyage-Party fÃ¼r die lieben Kollegen bei EIRENE aus, bevor ich meine sieben Sachen in BrÃ¼hl einlagerte. Die letzten Tage vor Abreise verlebte ich in BrÃ¼hl und KÃ¶ln. Den Koffer habe ich in letzter Minute gepackt. Faustregel hierbei: Nicht mehr als tragbar.</p>
<p>Am 21. Juli saÃŸ ich dann zusammen mit meinem Mit-Ausreisenden Simon am KÃ¶ln-Bonner Flughafen und wartete auf Flug CO 0111 der uns nach Newark flog. Dort konnten wir symboltrÃ¤chtig einen Blick auf Lady Liberty erhaschen, bevor unser Anschlussflug uns nach Baltimore transportierte, wo wir von Genelle und Hannah in Empfang genommen wurden, die fÃ¼r den Brethren Volunteer Service unsere hiesige Vorbereitungseinheit NÂº 275 leiteten.</p>
<p>BVS ist die amerikanische Partnerorganisation von EIRENE, die pro Jahr etwa 12 ProjektplÃ¤tze aus ihrem Kontingent deutschen Freiwilligen zur VerfÃ¼gung stellt.</p>
<p>Wenn es so etwas wie einen Kulturschock gibt, dann erlebte ich ihn in den ersten drei Wochen USA. Ich wÃ¼rde es eher als Kulturrausch beschreiben: Ich kam mir ein wenig wie ein Astronaut vor, der soeben auf einem fremden Planeten gelandet ist.</p>
<p>Kein Wunder, die USA haben mich schon als Kind fasziniert, und auf einmal war ich mittendrin. Endlich konnte ich die hollywoodgeprÃ¤gten Hypothesen von diesem Land mit eigenen Augen Ã¼berprÃ¼fen.</p>
<p>Wir verbrachten einen GroÃŸteil der Vorbereitung in New Windsor. Mit im Boot: 10 amerikanische Freiwillige, deren Deutschlandbild wir nachhaltig prÃ¤gen sollten. NatÃ¼rlich nur zum Besten.</p>
<p>Um uns ein wenig auf das Freiwilligen-Dasein vorzubereiten, wurden wir in Kochgruppen eingeteilt und mussten fÃ¼r 2.25$ pro Tag und Person kochen. Rein finanziell kein Problem, manchmal hapertâ€™s dann einfach bei den KochkÃ¼nsten, aber werden SIE mal in den USA groÃŸ ;)</p>
<p>Besonders spannend war ein dreitÃ¤giger Besuch in Baltimore. Wir waren in einer Zuflucht untergebracht, die wÃ¤hrend der Wintermonate wohnungslosen Menschen Obdach bietet. Nachdem wir uns in New Windsor an den Luxus von Klimaanlagen gewÃ¶hnt hatten, bekamen wir in Baltimore das Kontrastprogramm geboten. GefÃ¼hlte 50Â°C, hohe Luftfeuchtigkeit und ein Badezimmer mit zwei Duschen fÃ¼r 18 Personen.</p>
<p>In Baltimore hatten wir auch die MÃ¶glichkeit, einige Projekte vor Ort kennen zu lernen. So arbeitete ich einen Tag fÃ¼r Habitat for Humanity, einer Organisation, die verlassene HÃ¤user kauft und diese mithilfe von Freiwilligen renoviert. Die HÃ¤user werden relativ gÃ¼nstig an Personen verkauft, die sich andernfalls kein eigenes Haus leisten kÃ¶nnten.</p>
<p>In Baltimore bekam ich zum ersten Mal zu Gesicht, wie krass in den USA StÃ¤dte segmentiert sein kÃ¶nnen. Unweit von unserem Quartier wirkte alles wie ausgestorben, ganze StraÃŸenzÃ¼ge heruntergekommen und mit Brettern verbarrikadiert, riesige SchlaglÃ¶cher im Asphalt und inmitten der Ruinen immer wieder ein, zwei bewohnte HÃ¤user. Da vergisst man schon mal, dass man sich in einem der reichsten LÃ¤nder der Erde befindet.</p>
<p>ZurÃ¼ck in New Windsor fanden auch die AuswahlgesprÃ¤che statt, die nach drei Wochen BVS-Vorbereitung jedem von uns sein Wunschprojekt bescherten. Ich fuhr zusammen mit dem Team von BVS quer durch Maryland, Pennsylvania, Ohio und Indiana nach Chicago, wo ich am 11.08. in meinem Projekt Su Casa eintraf.</p>
<h3>Su Casa in a nutshell</h3>
<p>Von AuÃŸen wirkt Su Casa recht unscheinbar. Man muss sich schon auf einige Schritte nÃ¤hern, um den Schriftzug Catholic Worker Community Ã¼ber dem Eingang entziffern zu kÃ¶nnen. Ein Metallkreuz auf dem Dach und ein klobigeres Exemplar aus Glasbausteinen zeugen von Zeiten, in denen das GebÃ¤ude noch als Kloster diente&#8230;</p>
<p>Durch eine glÃ¤serne DoppeltÃ¼r und eine Treppe gelangt man ins Innere. Dort findet man sich in einem Flur wieder, dessen holzverkleideten WÃ¤nde Erinnerungen an die Jugendherbergen wecken, in denen es damals, in der dritten Klasse, immer so modrig roch- nichts fÃ¼r Ungut Frau BrÃ¼cher!</p>
<p>Von den Vormietern ist Ã¼brigens kaum etwas zu spÃ¼ren, die MÃ¶nche hat man outgesourced.</p>
<p>Das war Anfang der 90er, als eine kleine Gruppe ambitionierter Menschen, angefÃ¼hrt von Bruder Denis Murphy, das GebÃ¤ude fÃ¼r den symbolischen Betrag von einem Dollar kaufte und hier ein Catholic Worker House grÃ¼ndete.</p>
<p>In den ersten Jahren diente es als Asyl fÃ¼r FolterÃ¼berlebende aus Lateinamerika. Damals bekannt unter dem Namen Central American Martyrs Center, Ã¤nderte Su Casa seine Mission, nachdem die USA ihre Einwanderungspolitik verschÃ¤rften.</p>
<p>Heute ist Su Casa ein so genanntes Shelter. Wir bieten wohnungslosen spanischsprachigen Familien bis zu ein Jahr Unterkunft und diverse Leistungen wie wÃ¶chentliche Sitzungen mit unserer Sozialarbeiterin, Kinderbetreuung und Hausaufgabenhilfe, Nahrung, Kleidung, Hygieneartikel und Schulbedarf, Telefon und Internetzugang und monatliche AusflÃ¼ge in Chicago und Umgebung.</p>
<p>Im Gegenzug mÃ¼ssen die MÃ¼tter sich aktiv fÃ¼r eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen. Das schlieÃŸt ein, dass sie entweder einer Arbeit nachgehen oder sich in einer Form von Schule befinden, einen bestimmten Teil ihres monatlichen Verdienstes sparen und am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Werktags essen wir gemeinsam zu Abend, jede der MÃ¼tter hat einen festen Kochtag.</p>
<p>Alle zwei Wochen findet ein Haustreffen statt, in dem sich die Freiwilligen und die MÃ¼tter zusammensetzen, um allerhand Organisatorisches zu besprechen. AuÃŸerdem findet wÃ¶chentlich ein Teamtreffen statt, in dem wir Freiwilligen uns gegenseitig auf den neuesten Stand bringen und diverse AktivitÃ¤ten wie AusflÃ¼ge oder Feiern besprechen. Jeder Freiwillige kÃ¼mmert sich um ein bis zwei feste Aufgabenbereiche, z.B. Nahrungsbeschaffung, Werbung und Verwaltung externer Freiwilliger, HausmeistertÃ¤tigkeiten, AktivitÃ¤ten und Feiern.</p>
<p>Ich bin unter anderem fÃ¼r Instandhaltung verantwortlich. Eine Aufgabe, die einer gewissen Komik nicht entbehrt. Die Rauchmelder im Haus sind beispielsweise mehrere Jahrzehnte alt. Das Dach ist undicht. Der Ofen in der KÃ¼che funktioniert nach Lust und Laune, wÃ¤hrend unser groÃŸer KÃ¼hlschrank schon mal das GemÃ¼se schockfrostet. SanitÃ¤re Anlagen und Boiler lasse ich an dieser Stelle unerwÃ¤hnt.</p>
<p>Ich muss also Ã¶fters mal externe Dienstleister hinzuziehen, um der vielseitigen Probleme Herr zu werden.</p>
<h3>La Casa</h3>
<p>Inklusive Untergeschoss besteht Su Casa aus vier Ebenen:</p>
<p>Im Keller selbst befindet sich der mit Abstand wichtigste Raum des Hauses: Die KÃ¼che. Sie wird von der gesamten Bewohnerschaft genutzt und dient werktags als ZubereitungsstÃ¤tte fÃ¼r das gemeinsame Abendessen, welches im Speisesaal nebenan vertilgt wird. Des Weiteren finden sich um Untergeschoss eine WaschkÃ¼che, eine Speisekammer, bilingual Food Bodega genannt, eine Werkstatt und ein paar LagerrÃ¤ume.</p>
<p>Das Erdgeschoss, nicht etwa Earthbullet sondern First Floor genannt, beherbergt einige BÃ¼ros, einen gemeinsamen Computerraum, ein kleinen Wohnzimmer (Sala Pequenina). AuÃŸerdem einen groÃŸen Wohnraum (Sala Grande), einem Lagerraum fÃ¼r Hygieneartikel (Hygiene Bodega), einem Lagerraum fÃ¼r Kleiderspenden (Clothing Bodega) und ein Telefonraum.</p>
<p>Eine Etage darÃ¼ber befinden sich 16 Zimmer, die teilweise von GÃ¤sten bewohnt werden. Mexikaner profitieren hierbei von ihrer Kompaktbauweise, eine Mutter samt 4 Kindern kommt mit einem einzigen Raum aus.</p>
<p>Der dritte Stock ist uns Freiwilligen vorbehalten. Die HÃ¤lfte der FlÃ¤che nimmt ein riesiger Wohnraum ein. Eingerahmt von BÃ¼cherwÃ¤nden stehen dort allerhand Sitz- und Liegegelegenheiten, eine zum Puzzletisch umfunktionierte Tischtennisplatte und ein Kicker, â€œFuÃŸballâ€ genannt. Daneben finden sich noch Schlafzimmer und ein Raum, in welchem wir Geschenke fÃ¼r alle mÃ¶glichen AnlÃ¤sse sammeln.</p>
<p>Von meinem Schlafzimmer aus gibt es dann noch die MÃ¶glichkeit, Su Casa aufâ€˜s Dach zu steigen.</p>
<p>Ich sitze gerne dort oben und lasse den Blick Richtung Norden schweifen, wo hinter einigen Baumkronen die imposante Skyline von Chicago zu sehen ist. Dazu gibt es eine unverwechselbare GerÃ¤uschkulisse: Hupende Autos, Hundebellen, eine sich nÃ¤hernde Sirene, Ã¼ber meinem Kopf ein zweistrahliges Verkehrsflugzeug, dann eine schrillende Alarmanlage, basslastiger Hip Hop mischt sich mit mexikanischer Volksmusik, die dem bayerischen Pendant zum verwechseln Ã¤hnlich klingt. Bis vor kurzem wurde dieses urbane Orchester noch von einem Hahn in unserem Garten angefÃ¼hrt, dieser wurde allerdings Opfer eines dreisten HÃ¼hnerdiebs!</p>
<p>SpÃ¤ter stellte sich heraus, dass es sich um eine legitime Entwendung handelte. Eine ehemalige Bewohnerin hatte ihn beim Auszug mitgenommen.</p>
<h3>Leben im Bienenstock</h3>
<p>Gemeinschaftsleben in Su Casa ist ganz gut mit einem Bienenstock vergleichbar. Da gibt es die fleiÃŸigen Arbeiterbienen, eine davon kann man sich der Anschaulichkeit halber in Lederhosen vorstellen. Und dann sind da die Drohnen. Von denen gibt es ein paar mehr, und ihre Brut haben sie auch im GepÃ¤ck. Die KÃ¶nigin wohnt Ã¼brigens nicht im Stock selbst, sie kommt viermal die Woche angeflogen und spricht mit den Drohnen Ã¼ber Honig und die Brut und so. Um jetzt nicht in die Verlegenheit zu kommen, mein spÃ¤rliches Bienenwissen auf Wikipedia aufzustocken, zurÃ¼ck in die Menschenwelt&#8230;</p>
<p>Durchschnittlich bleibt eine Familie fÃ¼r 6 Monate in Su Casa. Wir haben uns eine Obergrenze von sechs Familien gesetzt. Das klingt nicht so viel, bedeutet aber nach mexikanischen MaÃŸstÃ¤ben 20-25 Kinder im Haus.</p>
<p>Zurzeit wohnen bei uns vier Familien mit 17 Kindern im Alter von 3 bis 17. Unsere â€œfrischesteâ€ Familie ist erst vor wenigen Tagen eingezogen. Es handelt sich durchweg um FÃ¤lle von domestic violence (=hÃ¤usliche Gewalt), oft ist es fÃ¼r die MÃ¼tter mit groÃŸen Gefahren verbunden, ihre MÃ¤nner zu verlassen. Nicht selten bekommen wir Anrufe von MÃ¤nnern, die ihren Frauen nachspionieren und herausfinden wollen, wem unsere Telefonnummer gehÃ¶rt. Wir achten deshalb genau darauf, die AnonymitÃ¤t unserer Bewohner zu wahren.</p>
<p>Die Kids stellen ganz verschiedene AnsprÃ¼che an mich. Die DreijÃ¤hrigen mÃ¶chten am Liebsten stÃ¤ndig an mir hochklettern oder durch die Luft getragen werden. Das ist sowohl Allheilmittel fÃ¼r die Kleinen als auch tÃ¤gliches Fitnessprogramm fÃ¼r mich. Die etwas Ã¤lteren Kids sind in der Beziehung etwas trÃ¤ger, da ist dann eher Hausaufgabenhilfe gefragt, oder einfach nur jemanden zum Quatschen.</p>
<p>Zu den Kids habe ich ein lockeres VerhÃ¤ltnis aufgebaut. Ich bin mehr groÃŸer Bruder als Aufsichtsperson. Das ist natÃ¼rlich ein zweischneidiges Schwert. Ab und zu muss man sich auf der Nase herumtanzen lassen. Das nehme ich gerne in Kauf, so lange keine Regeln verletzt werden. Die Kids sollen sich zu Hause fÃ¼hlen. Das VerhÃ¤ltnis zu den MÃ¼ttern spielt sich auf einer anderen Ebene ab. Da die meisten von ihnen Ã¼ber sehr bescheidene Englischkenntnisse verfÃ¼gen, und es mit meinem Spanisch nicht besser bestellt ist, gestaltet sich die Kommunikation eher zweckmÃ¤ÃŸig, aber freundlich. Manchmal sehr freundlich, man ist hÃ¶flich.</p>
<p>Spannend wird es, wenn mein Vorname interpretiert wird.</p>
<p>Viele meinen, ich hieÃŸe â€œWilliamâ€, wenn ich mich vorstelle. Unter DreijÃ¤hrigen heiÃŸe ich hingegen â€œEllemâ€ oder â€œWiljaâ€. In einem mexikanischen CafÃ© gab mir die Besitzerin den Spitznamen â€œMemoâ€, was von Guillermo, der spanischen Form von Willem kommt.</p>
<h3>Team</h3>
<p>Su Casa wird komplett von Freiwilligen geleitet. Wir unterstehen keiner Dachorganisation, abgesehen von unserem Vorstand aus Ehrenamtlichen, der einmal monatlich zusammenkommt. Derzeit leben vier Vollzeit- und zwei Teilzeitfreiwillige im Haus. Abgesehen von Earl sind wir alle im Abstand von wenigen Wochen eingezogen. Ein kleiner Ãœberblick:</p>
<ul>
<li>Chantal kommt aus Kalifornien. Sie hat die Rolle der verantwortlichen Direktorin inne. Sie ist Engagement in Person. Chantal singt stÃ¤ndig und scheint ein unerschÃ¶pfliches Repertoire an Titeln auf Stichworten rezitieren zu kÃ¶nnen. AuÃŸerdem hat sie ihre HÃ¼ndin Cali mit in die Gemeinschaft eingebracht, eine schwarze Labrador-Dame, die genau so lebhaft ist wie ihr Frauchen.</li>
<li>Ellen kommt aus Ohio. Sie ist Haus-Direktorin und damit auch fÃ¼r die Aufnahme neuer Familien zustÃ¤ndig. Ellen liest gerne alte KochbÃ¼cher. Sie nennt mich manchmal â€œverrukt!â€ und probiert mit erstaunlicher Ausdauer, den Namen â€œRabeâ€ auszusprechen.</li>
<li>Gina kommt aus Pennsylvania. Sie kann es nicht ertragen, fotografiert zu werden. Sie kauft DVDs im Dutzend und kann Anekdoten auf sehr charmante Weise erzÃ¤hlen, wobei sie schon lachend unterm Tisch liegt, bevor die Pointe erzÃ¤hlt ist.</li>
<li>Josie kommt aus Illinois. Sie lebt bereits zum zweiten Mal in Su Casa, nachdem sie im Herbst vergangenen Jahres schon einmal verantwortliche Direktorin war. Derzeit geht sie einer â€œregulÃ¤renâ€ Arbeit nach und arbeitet nur 10 Stunden wÃ¶chentlich in Su Casa.</li>
<li>Earl ist Mitte 60 und katapultiert damit den Altersdurchschnitt des Teams um 7 Jahre auf knapp 30. Er ist ein QuÃ¤ker-Pfarrer und hat vor seiner Su Casa-Zeit in einem anderen Catholic Worker House im Norden Chicagos gelebt.</li>
<li>Weitere Teilzeitfreiwillige- Neben den innerhÃ¤usigen Freiwilligen kommen regelmÃ¤ÃŸig externe Freiwillige zu uns, um uns bei der BewÃ¤ltigung des Chaos zu helfen, Hausaufgabenhilfe oder Klavierstunden zu geben. Wir begrÃ¼ÃŸen auch gelegentlich Gruppen von UniversitÃ¤ten oder High Schools, die fÃ¼r ein paar Stunden im Haus mithelfen.</li>
</ul>
<h3>House Managing</h3>
<p>Wer einen lÃ¤ngeren Zeitraum in Su Casa verbracht hat, wird feststellen, dass dieser Ort seine eigene Zeitrechnung hat. Manch einer geht sogar so weit zu behaupten, dass innerhalb dieser Mauern keine Zeit existiere. Um diese Theorie zu erlÃ¤utern, muss ich allerdings etwas weiter ausholen.</p>
<p>Da wir groÃŸen Wert auf die Sicherheit der Bewohner legen und an der Wahrung der Sperrstunde interessiert sind, geben wir den Familien keine SchlÃ¼ssel. Das bedingt allerdings, dass 7 Tage die Woche auf die HaustÃ¼r geachtet wird. Von 8:30 - 22:00 (bzw. 23:00 am Wochenende) ist dies Aufgabe des so genannten House Managers. Damit dieser nicht 14 Stunden am StÃ¼ck im Einsatz ist, gibt es pro Tag zwei Housemanager-Schichten, die erste von 8:30 - 15:30, die zweite von 15:30 - 22/23:00 (werktags/am Wochenende).</p>
<p>Neben der verantwortungsvollen PfÃ¶rtnerrolle ist der House Manager obendrein noch HÃ¼ter des Telefons und wÃ¤hrend seiner Schicht exklusiver Ansprechpartner fÃ¼r die Familien, KindergÃ¤rtner mit SuperkrÃ¤ften, beizeiten Koch, Putzmensch und Hausaufgabenhilfe.</p>
<p>Die Housemanager-Schicht ist gewissermaÃŸen die Su Casa-WundertÃ¼te, man weiÃŸ nie was man bekommt. Wie hektisch eine Schicht wird, hÃ¤ngt von tausend Faktoren ab. Da wÃ¤ren das Wetter, der FÃ¼llstand des KÃ¼hlschranks, der Blutzuckerspiegel der Kids oder die verfÃ¼gbaren Disney-Filme zu nennen.</p>
<h3>Ã–ffentlichkeitsarbeit</h3>
<p>Als verbindendes Element zwischen den Catholic Worker HÃ¤usern gelten die regelmÃ¤ÃŸig erscheinenden Rundschreiben, die von den HÃ¤usern auf sehr individuelle Weise produziert werden, manchmal ganz traditionell mit Schere und Kleber.</p>
<p>Su Casa folgt dieser Tradition und gibt seit seiner GrÃ¼ndung 1990 vierteljÃ¤hrlich den Newsletter â€œKairosâ€ heraus. Das achtseitige Heftchen, AuflagenstÃ¤rke 800, enthÃ¤lt neben einem Leitartikel Informationen Ã¼ber die aktuellsten Neuigkeiten aus der Gemeinschaft. Ich wurde kurzerhand zum Layouter und Chefredakteur ernannt. Ich habe auch schon weitere Projekte ins Auge gefasst.</p>
<h3>Neu? Ne, mit Perwoll gewaschen!</h3>
<p>Su Casa ernÃ¤hrt sich fast ausschlieÃŸlich durch Spenden. Jeden Sonntag fahren wir mit unserem groÃŸen roten Van quer durch Chicago um bei zwei Trader Joeâ€™s SupermÃ¤rkten die tÃ¤glichen Spoils, also alle abgelaufenen Nahrungsmittel, abzuholen. An einem guten Tag bedeutet das etwa 20-30 MÃ¼llsÃ¤cke gefÃ¼llt mit Lebensmitteln. ZurÃ¼ck in Su Casa sortieren wir alle Waren aus, die wir fÃ¼r eine Woche im Haus benÃ¶tigen. Dieser Teil ist besonders spannend, weil neben den garantierten Spenden wie Brot, Obst und GemÃ¼se immer mal wieder kulinarische Besonderheiten wie Sushi oder 20kg Popcorn auf unserem Sortiertisch landen. Schnell verderbliche Waren wie Milch und Eier kaufen wir separat ein.</p>
<p>Was wir an Ãœberschuss haben, geben wir an die Soup Kitchen (=SuppenkÃ¼che) ab. Dabei handelt es sich um eine Essensausgabe, die jeden Sonntag in einem untervermieteten NebengebÃ¤ude von Su Casa stattfindet. Etwa 150 Mahlzeiten werden dort in der Stunde ausgegeben. Freiwillige Kirchengruppen Ã¼bernehmen an drei Wochenenden im Monat die Zubereitung und Ausgabe der Mahlzeiten. AuÃŸerdem geben wir oftmals Kleidungsspenden an die SuppenkÃ¼che ab.</p>
<p>Neben den regelmÃ¤ÃŸigen Nahrungsspenden bedenken uns immer mal wieder Privatpersonen mit kleineren und grÃ¶ÃŸeren Kleidungs- oder Sachspenden. Besonders im GedÃ¤chtnis geblieben ist mir der Fall einer Dame, die in einem der nÃ¶rdlichen Vororte lebte. Sie und ihr Mann hatten soeben ihre Villa verkauft und waren auf der Suche nach einem Apartment. Sie rief uns an und bat uns, einige MÃ¶bel bei ihr abzuholen. Schlussendlich spendete sie uns eine Kiste voll Spielzeug, etwa 10 Kisten mit Kleidung, Dazu eine ganze Reihe GemÃ¤lde, eine Sofagarnitur, drei Bettsysteme und zwei massive WohnzimmerschrÃ¤nke.</p>
<p>Manchmal finden aber auch sehr kreative Spenden ihren Weg zu uns, zum Beispiel 25 Gallonen (knapp 100l) FlÃ¼ssigseife.</p>
<h3>The Windy City &#038;Back of the Yards</h3>
<p>Chicago ist die drittgrÃ¶ÃŸte Stadt der USA. Im Ballungsraum Chicagoland tummeln sich irgendwas zwischen neun und zehn Millionen Menschen, ein Drittel davon lebt in der Kernstadt.</p>
<p>Die Stadt ist in 77 Bezirke aufgeteilt, jeder Bezirk besteht wiederum aus etwa drei Neighborhoods (=Nachbarschaften).</p>
<p>Jede Neighborhood hat eine starke EigenidentitÃ¤t. Das ist fast wie im Phantasialand in BrÃ¼hl, Du gehst ein paar Schritte, und auf einmal bist Du nicht mehr in Chinatown, sondern in Little Mexico.</p>
<p>Von einem StraÃŸenblock zum nÃ¤chsten kann sich sprichwÃ¶rtlich die Welt verÃ¤ndern. Die Menschen auf der StraÃŸe, die Musik die zu hÃ¶ren ist, die GeschÃ¤fte mit ihren bunten Werbetafeln. Selbst groÃŸe Werbeanzeigen von Fastfood-Ketten wechseln wie selbstverstÃ¤ndlich die Sprache. Ich lebe im SÃ¼dwesten der Stadt, im District Nummer 61.</p>
<p>Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich hier um die Ecke der grÃ¶ÃŸte Schlachthof der Welt, die Union Stock Yards. So kam diese Neighborhood zu ihrem Namen: Back of the Yards.</p>
<p>WÃ¤hrend Back of the Yards bis etwa in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts vor Allem polnisch geprÃ¤gt war, leben hier heute zu 60% Latinos und zu 35% Afroamerikaner.</p>
<p>Das Viertel ist hat keinen besonders guten Ruf. Der BÃ¼rgersteig brÃ¶ckelt vor sich hin, viele GrundstÃ¼cke stehen leer, die Gegend leidet unter anhaltenden GangaktivitÃ¤ten. Nachts hÃ¶rt man aus dem nahen Sherman Park SchÃ¼sse. Dementsprechend hoch ist auch die PolizeiprÃ¤senz. Einige meiner VorgÃ¤nger in Su Casa wurden regelmÃ¤ÃŸig auf offener StraÃŸe von der Polizei gestoppt, weil die einzigen WeiÃŸen in dieser Gegend gewÃ¶hnlich mit Drogen in Verbindung gebracht werden. Das hÃ¶rt sich nach deutschen MaÃŸstÃ¤ben ungewÃ¶hnlich furchterregend an, ich empfinde es allerdings inzwischen als normal und fÃ¼hle mich hier wohler, als in den reichen Gegenden. Jeder Augenkontakt auf der StraÃŸe geht mit einem â€žWhatâ€˜s up man?â€œ einher, manchmal grÃ¼ÃŸen mich sogar wildfremde Leute beim Namen.</p>
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